https://www.faz.net/-1vs-10qi3

: Pflegt mir den weißen Tiger

  • Aktualisiert am

Keine Buchmesse sei je stärker von ihrem Gastland geprägt worden, konstatierten Beobachter überrascht. In der Tat war die Menge und Vielfalt an Büchern von und über Indien vor zwei Jahren in Frankfurt überwältigend.

          2 Min.

          SANTINIKETAN, Ende Oktober

          Keine Buchmesse sei je stärker von ihrem Gastland geprägt worden, konstatierten Beobachter überrascht. In der Tat war die Menge und Vielfalt an Büchern von und über Indien vor zwei Jahren in Frankfurt überwältigend. Die bedeutendsten Intellektuellen Indiens trafen auf deutsche Kollegen. Über sechzig literarische Werke kamen, aus dem Englischen und den Regionalsprachen übersetzt, auf den Markt. Ein Dutzend Zeitschriften brachte Sonderhefte heraus. Schon damals fragten die weniger Euphorischen: Was wird bleiben?

          Der Verleger des kleinen Draupadi-Verlags in Heidelberg, Christian Weiß, berichtet: "Sobald die Buchmesse abgebaut war, kam ein großes Loch." Der Markt, das Leserinteresse schienen gesättigt. Der Draupadi-Verlag, spezialisiert auf indische Literatur aus den Regionalsprachen, der 2006 acht Literaturwerke verlegt hatte, konnte jedoch auch in den Folgejahren eine ähnliche Anzahl Bücher herausbringen. Gerade erschien Baby Halders Roman "Kein ganz gewöhnliches Leben". Die Autorin, eine Dienerin und Hausgehilfin in Delhi, beschreibt ihre Kindheit auf dem Land, ihre viel zu frühe Heirat, den Zusammenbruch der Ehe, die Flucht in die Großstadt und die Grausamkeit der Familien, denen sie diente. In Indien wurde das Buch "von unten" zum Bestseller, die "New York Times" widmete ihm eine lobende Kritik.

          Die großen Verlage konnten der indischen Literatur 2006 jedoch nicht zum erhofften Durchbruch verhelfen. Darum ist seither außer den etablierten Großschriftstellern - Kiran Nagarkar, Khushwant Singh, Amitav Ghosh - kein Neuland hinzugekommen. Nur eine Neuentdeckung wird gemeldet: der Booker-Preis-Gewinner Aravind Adiga mit seinem Debüt "Der weiße Tiger".

          Wer weiterfragt, findet aber doch Ansätze einer Neubewertung der modernen indischen Literatur. Im Anschluss an die Buchmesse wurde das "Literaturforum Indien" gegründet, das das Engagement für die schwer übersetzbaren Regionalliteraturen wachhält. Das diesjährige Thema waren die Literaturen der Ureinwohnerstämme und Kastenlosen (Adivasi- und Dalit-Literaturen). Außerdem steht eine Kooperation mit dem "Central Institute of Indian Languages" der indischen Regierung an, das hundert moderne Literaturwerke der Regionalsprachen in Deutsch und in vier weitere europäische Sprachen übersetzen lässt: ein Großunternehmen, das die Literaturlandschaft verändern könnte.

          Die kontinuierliche Pflege indischer Themen indes ist weiterhin den indienspezifischen Zeitschriften vorbehalten. "Südasien" gab soeben ein vorzügliches Heft zum Thema "Adivasis im 21. Jahrhundert" heraus, das über die Kunst, die Literaturen und die politischen wie soziokulturellen Bewegungen der Ureinwohnerstämme informiert.

          Die Zeitschrift für Deutsch-Indischen Dialog "Meine Welt" feierte ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen mit einer Jubiläumsausgabe und Beiträgen von und über deutsche Bürger indischer Herkunft. Modernes Design, vorzügliche Fotos und informative, keineswegs plump "linientreue" Artikel machen die aktuelle Ausgabe von "Perspektiven Indien", einer Zweimonatszeitschrift der indischen Regierung, zu einem Lesevergnügen. Kein Zweifel, diese Zeitschriften zehren seit dem Buchmessen-Paukenschlag von neuer Energie. MARTIN KÄMPCHEN

          Topmeldungen

          Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

          Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

          Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.