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Panamarenko : Wunschmaschineningenieur

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Eigentlich dürfte es jemanden wie Panamarenko überhaupt nicht mehr geben, und er ist tatsächlich so etwas wie der letzte wirre Trieb eines ansonsten morschen Baumes, dessen Wurzeln im zwanzigsten Jahrhundert gekappt wurden.

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          Eigentlich dürfte es jemanden wie Panamarenko überhaupt nicht mehr geben, und er ist tatsächlich so etwas wie der letzte wirre Trieb eines ansonsten morschen Baumes, dessen Wurzeln im zwanzigsten Jahrhundert gekappt wurden. Als was soll man Panamarenko bezeichnen? Ihn einen Künstler zu nennen, wäre zu einfach, zu unspezifisch. Denn Panamarenko ist niemand, der einfach nur zeichnet, malt, filmt oder Skulpturen errichtet: Er ist ein naturwissenschaftlicher Dilettant. Und die gab es vor allem zur Zeit der Aufklärung, im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, als sich in London die Royal Society gründete, ein Verbund von meist adligen Gelehrten, die in ihren Gärten, Schlössern und Ställen experimentierten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde Forschung an den Universitäten institutionalisiert oder wanderte in die Industrie ab. Heute käme niemand auf die Idee, sich einen Elektronenbeschleuniger oder eine DNA-Sequenziermaschine privat in den Garten oder ins Wohnzimmer zu stellen - niemand eben außer Panamarenko.

          Der in Antwerpen geborene Künstler heißt mit bürgerlichem Namen Henri van Herwegen, eine wissenschaftliche Ausbildung genoss er nie, dafür hatte er jedoch einen Vater, der Elektroingenieur war. Von 1955 bis 1960 studierte Panamarenko Kunst an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen, absolvierte danach den Militärdienst, gab eine Zeitschrift heraus mit dem Titel "Happening News" und schloss sich der Fluxus-Bewegung an, bis er 1967 seine wahre Bestimmung fand: die Konstruktion von Flugapparaten. "Das Flugzeug" nannte er die selbst entworfene Maschine, die aus zwei filigranen Rotoren bestand, die von einer fahrradähnlichen Konstruktion angetrieben wurden. Ein Jahr darauf lud ihn Joseph Beuys ein, sein Gerät an der Kunstakademie in Düsseldorf vorzustellen, eine Schau, die zum Publikumserfolg wurde.

          Mit den Jahren wurden Panamarenkos Projekte größer und ehrgeiziger, allerdings nie flugtauglicher: Siebenundzwanzig Meter maß das Luftschiff "The Aeromodeller", zu dessen Ausstattung eine Gondel gehörte, das 1972 auf der Documenta in Kassel vorgeführt wurde. "Private Mythologien" war das Thema, unter das der Documenta-Leiter Harald Szeemann das internationale Kunstereignis gestellt hatte, und wenn man sich fragt, worin den Panamarenkos privater Mythos besteht, dann lautet die Antwort vielleicht: in dem Ehrgeiz die Technikgeschichte zu überwinden.

          Beharrlich beschreitet Panamarenko einen Weg, den der Philosoph Hans Blumenberg einst als Sackgasse beschrieben hatte. Nach Blumenberg verwirklichte sich der Traum vom Fliegen erst, als die Ingenieure aufgaben, den Vogelflug imitieren zu wollen. Panamarenko dagegen lernt die Bewegung in der Luft weiter von Vögeln, Insekten oder Fischen, stets mit dem Versprechen, kurz vor einem Durchbruch zu stehen. "Noch nicht erprobt", heißt es etwa knapp zu einigen Geräten, die in unzähligen Zeichnungen vorbereitet worden sind. In dieser Hinsicht ist er den Naturwissenschaften und ihren Heilsversprechen am nächsten. Als er im Jahr 2005 anlässlich einer großen Retrospektive in Brüssel öffentlich erklärte, sich aus dem Kunstbetrieb zurückziehen zu wollen, ließ er uns deshalb auch nicht ohne Hoffnung zurück. Man darf vermuten, dass der große Wunschmaschineningenieur in Wirklichkeit seine Kräfte gesammelt hat, um wahrscheinlich schon morgen über unseren Köpfen seine Runden zu drehen. Am 5. Februar feiert er seinen sechzigsten Geburtstag. JULIA VOSS

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