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: Nackte Riesen

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Die außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen rücken im künftigen Berliner Schloss in den Hintergrund. Das ist das überraschende Ergebnis eines Diskussionsabends, bei dem die "Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum", die ...

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          Die außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen rücken im künftigen Berliner Schloss in den Hintergrund. Das ist das überraschende Ergebnis eines Diskussionsabends, bei dem die "Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum", die als Bauherrin des Projekts fungiert, ihre neuen Planungen vorstellte. Demnach sollen die Dahlemer Sammlungen nicht mehr, wie bisher vorgesehen, im ersten und zweiten Obergeschoss, sondern in den beiden obersten Stockwerken des vierstöckigen Gebäudes untergebracht werden. Damit verliert das Museum der Weltkulturen, das die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in dem Neubau unterbringen will, nicht nur an räumlicher Prominenz, sondern auch an Volumen, denn die Raumhöhen des dritten Obergeschosses werden nach barockem Vorbild deutlich unter denen der Hauptgeschosse liegen. Was diese Verkleinerung des musealen Auftritts für die Großexponate der Ethnologischen Sammlungen wie etwa die Boote und Versammlungshäuser aus Transozeanien bedeuten wird, ist noch nicht klar.

          Über die Gründe der Verschiebung der Gewichte im Schlossinneren, die der Stiftungsvorstand Manfred Rettig bei der Präsentation im Audimax der Humboldt-Universität als planerische Minimalkorrektur darzustellen versuchte, kann man nur spekulieren. Offenbar geht das Vertrauen des Bundes, der im Stiftungsrat das Sagen hat, in das vielberedete und vor zwei Jahren in einer Werkstattschau vorgestellte Projekt des Weltkulturenmuseums nicht mehr ganz so weit, wie allenthalben noch vor kurzem behauptet wurde. Stattdessen soll nun eine Mischung aus Mehrzwecksälen und Bibliotheken in den unteren Ebenen für Publikumszulauf sorgen.

          Im Erdgeschoss des Eosanderhofs, der sogenannten Agora, werden zwei große Räume für Sonderausstellungen zur Verfügung stehen, zwei andere sind als Auditorium und "Multifunktionssaal" etikettiert, ein weiterer dient als Museum für die Geschichte des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik. Der verkleinerte Hof selbst soll zur "zentralen Verteilerhalle" (Rettig) des Komplexes werden.

          Der Schlüterhof, das rekonstruierte barocke Schmuckstück des neuen Schlosses, wird dagegen im Parterre überwiegend von Cafés und Restaurants bespielt, nur eine Ecke an der Südfassade ist für die Wiedererrichtung der kurfürstlich-königlichen Kunstkammer reserviert. Von der Umwidmung des ersten Obergeschosses profitiert vor allem die Zentral- und Landesbibliothek, die sich mit Ausleihschaltern, Buchregalen und einem geradezu fürstlichen Lesesaal um den gesamten Schlüterhof herum ausbreiten darf. Die Räumlichkeiten um den Eosanderhof im Westteil des Gebäudes sind dagegen für die Fachwissenschaftliche Bibliothek der Staatliche Museen zu Berlin sowie für das Tonarchiv und andere Einrichtungen der Humboldt-Universität vorgesehen. Auch hier spricht die bautragende Stiftung wieder von einem "flexiblen Saal", einem Großraum also, in dem alles und jedes untergebracht werden kann. Ein Rolltreppenhaus zwischen dem Eosanderhof und dem sogenannten Schlossforum, das die Portale II und IV als Arkaden-Korridor verbindet, soll den Besucher den Zugang in die oberen Stockwerke eröffnen.

          Diese Planung, deren Feinheiten in den kommenden Monaten enthüllt werden sollen, ist ein Manifest der Unsicherheit. Wie es aussieht, können sich die Verantwortlichen beim Berliner Schloss weder für einen musealen Schwerpunkt noch für eine Nutzung als Kultur- und Veranstaltungszentrum eindeutig entscheiden. Stattdessen spielen sie auf Zeit. Viele Räume gerade in den Übergangszonen der unteren Geschosse haben noch keine exakte Zuschreibung. Hier entstehen ganze Trakte, deren Bestimmung gänzlich unklar ist - "flexible" Orte für nomadische Nutzer. Nur bei der von vielen Schlossfreunden ersehnten Rekonstruktion historischer Säle in den Obergeschossen gibt sich die Stiftung entscheidungsfreudig. Der geschichtsträchtige Weiße Saal wird, obwohl im Raumvolumen erkennbar, nicht mehr wiederkehren, der Wiederaufbau der Prunksäle über den Portalen des Schlüterhofs ist immerhin möglich. Doch das, erklärt Rettig, sei "ein Thema für andere Generationen".

          Diesen Generationen will der Bund, wie es scheint, auch die Fertigstellung des barocken Gebäudeschmucks überlassen. In den Planungen der Stiftung und des Architekten Franco Stella erscheinen drei der fünf Portale ohne Innenausbau, als nackte steinerne Riesen, deren hofseitige Ornamente - Säulen, Giebelfiguren, Gesimse, Balkone - bei entsprechendem Spendenfluss in späteren Zeiten nachgetragen werden sollen. Auch die Stülersche Kuppel, die in keiner der handelsüblichen Schloss-Simulationen fehlt, wird in einer Sparversion errichtet, ohne Laterne, ohne Figurenschmuck und ohne die goldglänzenden Bänder, die ihre Wölbung akzentuieren. Dafür versichert das Büro Stella, man wolle "keine Sachen bauen, die falsch sind"; alles, was nach der für 2013 geplanten Grundsteinlegung entstehe, sei auf spätere Ergänzung angelegt. Das Schloss als Zugewinngemeinschaft.

          Einstweilen darf man gespannt sein, was die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu der veränderten Geschossplanung sagt. Bei der Präsentation im Audimax wurde ihre aktuelle Broschüre zum Humboldt-Forum verteilt, Motto: "Soviel Welt mit sich verbinden als möglich". In den Plänen des Bundes zum Berliner Schloss ist das Weltkulturenmuseum der Welt ein beträchtliches Stück ferner gerückt.ANDREAS KILB

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