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Michael Knoche : Held der Bücher in Weimar

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Als die Katastrophe eintraf, als seine Bibliothek lichterloh brannte in der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004, lernte ihn alle Welt kennen: Michael Knoche, den Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, der mit seinen Mitarbeitern ...

          Als die Katastrophe eintraf, als seine Bibliothek lichterloh brannte in der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004, lernte ihn alle Welt kennen: Michael Knoche, den Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, der mit seinen Mitarbeitern immer wieder in das Haus rannte, um zu retten, was zu retten war. Und auch die Geschichte mit der kostbaren Lutherbibel, die er noch aus dem Feuer holte, als das Haus schon gesperrt worden war, weil Decken und Treppen einzustürzen drohten, bleibt unvergessen. Das Inferno machte den zurückhaltenden, schmalen Mann zum Helden und berühmt, was sein eigentliches Wirken und seine enormen Erfolge in Weimar zuweilen in den Schatten stellt.

          Als Michael Knoche 1991 nach Weimar kam, war die DDR nur noch ein Papiertiger, das revolutionäre Ostdeutschland wurde im Amtsdeutsch verlegen Beitrittsgebiet genannt. Er hatte sich beworben auf einen der eigentlich aufregendsten Posten für einen Bibliothekar, doch schien der wilde Osten mit all seinen ungeklärten Verhältnissen damals nicht viele Konkurrenten angezogen zu haben. Die Entscheidung für Weimar, schreibt er in einem Essay, habe etwas Halsbrecherisches gehabt, Direktoren ostdeutscher Kultureinrichtungen habe man damals so häufig ausgewechselt wie sonst nur Fußballtrainer. Ihn aber nicht, und das ist ein Glück für Weimar.

          Als der Wissenschaftsrat 2004 die gesamte Klassik-Stiftung evaluierte und das Gutachten sich las wie eine Empfehlung zur Schließung, war seine Anna Amalia Bibliothek die einzige Institution, für die man anerkennende Worte fand. Auch das ist ein Verdienst Michael Knoches. Denn 1991 fand er eine Bibliothek - damals hieß sie noch "Zentralbibliothek der deutschen Klassik" - in beklagenswertem Zustand vor und ahnte nicht, dass der offenkundige, bedrohliche Verfall und die krasse Unterfinanzierung ihn noch sehr viele Jahre in Atem halten sollten.

          Die Mitarbeiter, zum Glück eher regimefern und "zu einem guten Teil Individualisten", hatten seinen Vorgänger im Revolutionsjahr kurzerhand abgewählt. Die Bibliothek blieb meist zugesperrt, an der Tür zum Platz der Demokratie hatte damals ein Zettel gehangen, der neugierige Besucher abschrecken sollte: "Nachfragen zwecklos." Und so setzte er seine erste Reform um und öffnete das kostbare Haus wieder für die Öffentlichkeit. Michael Knoche, der Germanistik, Theologie und Philosophie studierte, hatte schon in seiner Dissertation "Volksliteratur und Volksschriftenvereine im Vormärz" (1986) keinen Zweifel daran gelassen, dass die Öffnung für ein breites Publikum entscheidend war für den Aufstieg der Bibliotheken.

          Angesichts der gewaltigen Aufgaben, die in Weimar vor ihm lagen, war die neuerliche Einladung ans Volk ein vergleichsweise kleiner Schritt, doch hoffte Knoche nicht zu Unrecht, damit auch Unterstützer für seine Pläne zu gewinnen: für die materielle Rettung des bedrohten Erbes genauso wie für eine zeitgemäße Erschließung der berühmten Sammlungen. Knoche gehört zu jener Generation von Bibliothekaren, die sich einem epochalen Wandel ihres Berufes gegenübersahen: die Bibliotheken und ihre Buchbestände begannen, mit der digitalen Welt zusammenzuwachsen. Der Wandel ist ihm glänzend gelungen. Glänzend, weil er sich der falschen Alternative - Museum oder moderne Bibliothek - erfolgreich widersetzte.

          Für seine Leistung, das historische Profil der Weimarer Fürstenbibliothek überhaupt wieder sichtbar gemacht, sie in einen europäischen Kontext gestellt und sie mit dem neuen Studienzentrum zu einer modernen Forschungsbibliothek entwickelt zu haben, erhielt er 2008 den Gutenberg-Preis. Das liest sich so leicht, aber es war eine Herkulesarbeit. Es ging ja nicht nur um die Erforschung und Erschließung einer Büchersammlung, mit Handschriften aus dem Mittelalter bis zur Buchkunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts - was allein schon das Leben eines Großbibliothekars ausgefüllt hätte. Er trat auch an gegen den Starrsinn der Kulturverwalter, gegen die Blindheit, dass Weimar, Wiege der deutschen Klassik, zum Grab der deutschen Klassik zu werden drohte. Eine oft vorgebrachte Prophezeiung, die sich ja fast erfüllt hätte. Was alles geschehen ist (oder immer wieder blockiert wurde) in Michael Knoches Weimarer Jahren und warum, kann nachlesen, wer will, denn er gehört auch zu jenen selten gewordenen Bibliothekaren, die selber viel schreiben. Am heutigen Dienstag wird er sechzig Jahre alt.

          REGINA MÖNCH

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