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Cologne Conference : Der Trend geht zum Zweitbildschirm

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Die 21. Cologne Conference verbeugt sich vor „Mildred Pierce“ und ägyptischen Filmrevolutionären - und fragt sich, wie Internet und Fernsehen konvergieren.

          Was lange eine Vision war, jetzt werde sie Realität: die Konvergenz von Fernsehen und Internet. Das war die wichtigste Prämisse des eigentlichen Konferenzteils der Cologne Conference, des ambitionierten Kölner Film- und Fernsehfestivals, in dessen Rahmen seit nunmehr einundzwanzig Jahren zukunftsweisende Bildschirm- und Leinwandprojekte vorgestellt werden. Internationale Serienformate spielen dabei eine zentrale Rolle, diesmal unter anderem die selbstreferentielle englisch-amerikanische Sitcom „Episodes“, die vom eitlen Serienmarkt handelt, Michael Winterbottoms nun auch in Kinofassung vorliegende, teils improvisierte BBC-Serie „The Trip“, „Terra Nova“, eine von Steven Spielberg produzierte Zeitreise zu den Dinosauriern, sowie die Sechziger-Jahre-Serie „The Hour“, die englische Reaktion auf „Mad Men“.

          Fünfeinhalb Stunden Kate Winslet

          Außerdem gelingt es dem Festival unter der Direktion von Martina Richter immer wieder, erstaunlich illustre Gäste - samt ihren Produktionen - nach Köln zu holen: David Lynch und die Hauptdarsteller von „Mad Men“ im vergangenen Jahr, jetzt den englischen Serien-Starautor Paul Abbott (“Shameless“, „Exile“), den Experimentalregisseur Tarsem Singh (“The Cell“, „The Fall“) sowie Regiegenie Todd Haynes, der nach seiner Bob-Dylan-Phantasie „I’m Not There“ jüngst für HBO die mit Lob überhäufte Minifernsehserie „Mildred Pierce“ geschaffen hat - mit einer überragenden Kate Winslet als Hauptdarstellerin, die fünfeinhalb Stunden lang in jeder einzelnen Szene zu sehen ist. Irritierend war einzig, dass Haynes „nur“ mit dem „TV Spielfilm-Preis“ ausgezeichnet wurde, während der renommiertere „Filmpreis Köln“ den doch eher naiven Hochglanz-Surrealismus Tarsems auszeichnete.

          Surfen und Fernsehen gleichzeitig

          Lynch, Haynes und Winterbottom stehen allerdings für die altbekannte, qualitativ eher aufwärts orientierte Konvergenz von Kino und Fernsehen. Wie aber ist das mit der behaupteten Vermählung von Fernsehen und Internet? In England wird das Zukunftsfernsehen bereits seit zehn Jahren erprobt. Mittels eines roten Knopfes auf der Fernbedienung springt der Zuschauer auf eine Metaebene mit mehr Auswahl (qua Mediatheken) und interaktiver Spielerei. Zwar nutzen jede Woche über zwölf Millionen Zuschauer den „Red Button“, etwa um Fußballspiele oder die königliche Hochzeit ohne Kommentar zu genießen, das aber sei - darauf lief der Vortrag des für die BBC dieses Angebot mitentwickelt habenden, inzwischen für Atos Consulting tätigen John Denton hinaus - nicht gerade der Gipfel der Interaktivität. Einen neuen Trend machte Denton zwar noch aus, den zum „Second Screen“, was bedeuten soll, dass Fernsehzuschauer parallel auf ihrem Tabletcomputer surfen und idealerweise Zusatzinformationen zum Programm abrufen. Aber kann das tatsächlich Verschmelzung genannt werden?

          Die Sprachlosigkeit des Netzdiskurses

          Die Konferenz selbst machte deutlich, wie sehr die zwei Kulturen divergieren. Der Blogger Markus Beckedahl trat wieder einmal als Klassensprecher des Internets auf und schwärmte von Twitter und Aktionismus. Mit Beckedahls Netzpolitik sichtlich nichts am Hut hatten dagegen Gerhard Kohlenbach, Michael Hirz, Hans Demmel und Torsten Rossmann, Nachrichtengewaltige der Sender RTL, Phoenix, n-tv und N24, die allesamt das Internet als Herausforderung auffassten - ein Glücksfall dann, wenn man auf Augenzeugenvideos angewiesen ist, doch auch mit neuen Rechercheanforderungen behaftet -, die aber ebenso betonten, dass dies keineswegs das Ende des klassischen Fernsehens sei. Wie aber sollen zwei Medien konvergieren, wenn ihre Protagonisten sich nichts zu sagen haben?

          Schafschächtung als Werbespot

          Spannender als die Diskussion des Rahmenthemas waren denn auch die Einzelgespräche, in denen man erfuhr, dass Paul Abbott Sendervorgaben weitgehend ignoriert (wenn sich das doch auch hiesige Autoren erlauben könnten!), dass der noch unbekannte Tarsem Singh bei MTV Asia allen Ernstes eine Schafschächtung als Werbespot eingereicht hat (“Sie haben sich nie wieder gemeldet“) und dass Todd Haynes derzeit an einer filmischen Abrechnung mit den amerikanischen Konservativen arbeitet.

          Ägyptische Medien unfreier als unter Mubarak

          Der bedrückendste Moment aber war es wohl, als die prominente ägyptische Moderatorin Shahira Amin, die während der Revolution aus Protest gegen Zensur ihren Job beim staatlichen Sender Nile TV gekündigt hatte, inzwischen aber unter eigenen Bedingungen dorthin zurückgekehrt ist, konstatierte, dass Rechtsunsicherheit, Einschüchterungen und Eingriffe in die Meinungsfreiheit in Ägypten heute schlimmer seien als unter Mubarak. Wie sehr sich das von den Tagen der Euphorie unterscheidet, zeigte der beachtliche, von drei ägyptischen Filmemachern quasi in Echtzeit aus Originalmitschnitten in Youtube-Qualität erstellte Film „Tahrir 2011 - The Good, The Bad and The Politician“, in dem ein neues Ägypten zum Greifen nah scheint. Und für einen kurzen Moment auch die Verschmelzung der Medien.

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