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: Macht Marbach groß!

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Große Museen, Archive, Bibliotheken sind, wenn sie ihre Sache gut machen, forschende Einrichtungen und solche der Popularisierung von Forschung. Die deutschen Geisteswissenschaften verfügen in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel über ...

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          Große Museen, Archive, Bibliotheken sind, wenn sie ihre Sache gut machen, forschende Einrichtungen und solche der Popularisierung von Forschung. Die deutschen Geisteswissenschaften verfügen in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel über solche Institutionen: ein Archiv für literarische und intellektuelle Nachlässe samt Museum, eine Schatzkammer der deutschen Klassik sowie eine Bibliothek der Frühneuzeit bis hin zur Aufklärung. Soeben hat der Wissenschaftsrat, die wichtigste wissenschaftspolitische Gutachterinstanz für Organisationsfragen, in einem Gutachten der Politik empfohlen zu prüfen, ob nicht alle drei Häuser (in Weimar handelt es sich um viele) in einem Verbund zusammengeführt werden können. Angeregt wird überdies, das Deutsche Literaturarchiv (DLA), die Klassik Stiftung Weimar und die Herzog August Bibliothek bundesseitig von der Zuständigkeit der Kulturpolitik in die des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zu übertragen.

          Wenn mit beidem nicht gemeint ist, eine Art bundesgeisteswissenschaftliche Oberdirektion zu etablieren, lässt sich darüber reden. Eine solche Direktion jedenfalls würde nicht zu dem passen, was der Wissenschaftsrat in seinem speziellen Gutachten zu Marbach fordert, nämlich mehr professionelle Autonomie für das DLA. Wie, mag man fragen, schon wieder ein Gutachten zu Marbach? Wurde nicht gerade eben, im Jahr 2007, schon eines vorgelegt? Stimmt, und Spötter mögen finden, dass es bald billiger käme, den Evaluatoren in Marbach eigene Räume zuzuweisen. Zur neuerlichen Prüfung kam es aber, weil die Ratschläge des damaligen Gutachtens von der Deutschen Schillergesellschaft (DSG), der Trägerin des Literaturarchivs, nicht beherzigt worden sind. Da die DSG das Archiv nur rechtlich trägt, aber nicht finanziell, hatte das Land Baden-Württemberg, zusammen mit dem Bund der Hauptfinanzier, den Wissenschaftsrat erneut um seine Meinung gebeten.

          Sie ist im Wesentlichen dieselbe wie vor vier Jahren. Nur der Ton ist jetzt schärfer, für ein Gutachten sogar sehr scharf. Die Tätigkeit des Archivs wie des Literaturmuseums wird als vorbildlich bezeichnet. Seine wissenschaftlichen Publikationen, die eingeworbenen Drittmittel, die Ankäufe, der internationale Austausch: alles hoch lobenswert. Die Empfehlungen von 2007 seien umgesetzt worden. Bis eben auf eine. Die DSG, deren historische Verdienste um das Literaturarchiv niemand bestreitet, weigert sich, dem organisatorischen Rahmen zuzustimmen, der einem Haus solcher Größe - etwa einhundert Mitarbeiter, Jahresetat mehr als achtzehn Millionen Euro - angemessen wäre. Sie macht die operativen Möglichkeiten des Direktors - derzeit der Historiker Ulrich Raulff - von den (derzeit großen) Sympathien abhängig, die er beim Präsidenten der Schillergesellschaft - derzeit der ehemalige Wissenschaftspolitiker Manfred Ehrhardt - und einem ehrenamtlichen Gremium genießt. Die entscheidenden Zuwendungsgeber sind im Aufsichtsgremium nicht angemessen vertreten. Die Schillergesellschaft spielt symbolisch den Herren über eine Institution, zu der sie ansonsten nicht viel beiträgt.

          Der Wissenschaftsrat kritisiert diese Amateursatzung von Marbach nun "nachdrücklich": Sie sei "nicht hinnehmbar". Dass beispielsweise Beschäftigte des Archivs als Mitglieder der DSG gleichzeitig Weisungsempfänger und Vorgesetzte des Direktors sein könnten, müsse ausgeschlossen werden. Ein vom Träger unabhängiger wissenschaftlicher Beirat sei einzusetzen. Sollte die Satzungsreform erneut scheitern, so fordert das Gutachten, müssten Bund und Land die Trägerschaft des Literaturarchivs neu ordnen und es gewissermaßen an der Schillergesellschaft vorbei finanzieren. Mit anderen Worten: Die Politik, der überdies ein höherer Etat für Marbach empfohlen wird, ist aufgefordert, gegebenenfalls den Geduldsfaden reißen zu lassen.

          Die Struktur, die entstünde, wenn Marbach, Weimar und Wolfenbüttel tatsächlich einen Verbund bildeten, kann insofern nicht als Großforschungsanlage mit einheitlicher Weisungshierarchie gemeint sein. Das widerspräche gerade dem Verlangen nach professionellen Arbeitsumständen. Doch die finanzielle Sicherung der Häuser einerseits, die stärkere Institutionalisierung ihrer Zusammenarbeit - in der Forschung, beim Ankauf, bei Ausstellungen - spricht für einen solchen Verbund unter der Obhut eines Hauses wie dem BMBF, das ja seit der Föderalismusreform für zusätzliche Aufgaben dankbar sein kann. Um so mehr für die schönen und gewissermaßen repräsentativen, die sich hier ergeben. Für die Geisteswissenschaften in diesem Land ist gewiss mehr mit der intelligenten Förderung dieser drei Häuser getan als mit der üblichen Alimentierung von Interdisziplinaritätsfassaden und Exzellenzversprechen.

          JÜRGEN KAUBE

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