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Luc Bondy inszeniert Handke : Die Feigheit vor dem Theater

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Ein Paar sucht den gemeinsamen Traum und findet ihn nicht: Dörte Lyssewski und Jens Harzer Bild: AFP

Der große, feine, geliebte Regisseur Luc Bondy hat in Wien das neue Stück von Peter Handke uraufgeführt. Es heißt „Die schönen Tage von Aranjuez“ - und ist dem Regisseur vollkommen entglitten.

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          Wenn das Theater gar nichts mehr mit sich anzufangen weiß, wenn schlechte Regisseure und deshalb von allen guten Geistern verlassene Schauspieler keinen Begriff von einer Welt mehr haben, die ihre Bretter und ihre Kunst noch bedeuten könnten - dann flüchten sie sich gerne ins Theatertheater. Dann lassen sie vor der Brandmauer einen großen, roten Samtvorhang Falten werfen, der so tut, als gehe es erst irgendwo dahinten in einen Zuschauerraum hinaus, zeigen Züge, Kulissen, Requisiten, Garderoben und einen Leuchtkörper über einer Hinterbühnentür, auf dem „Bitte Ruhe“ steht. Dann haben sie auch ihre Ruhe: vor Gott und der Welt. Dann suhlen sie sich im selbstbezüglichen „Wir spielen ja nur“. Es ist das Theater der Feiglinge - vor dem Theater.

          Eine solche Feigheit hat man jetzt im Wiener Akademietheater erlebt. Dort hat der große, feine, stets auch bewunderte und geliebte Regisseur Luc Bondy mit den an sich ganz guten Schauspielern Dörte Lyssewski und Jens Harzer das neue Stück von Peter Handke uraufgeführt. Es heißt „Die schönen Tage von Aranjuez“. Es spiele, so träumt es sich der Dichter Handke, „außerhalb gleichwelcher Aktualität“, sei „mehr Ahnung als Gegenwart“: im „Freien, unter dem Himmel“, im Sommerwind, an einem Tisch. Da säßen ein Mann und eine Frau. Und spielten das Liebesspiel vom Fragen.

          Mehr Poesie als Fleisch

          Fragte sich Handke in seinem letzten, fabelhaften historisch dramatischen Gedicht „Immer noch Sturm“, wie das denn war mit seinen slowenischen Vorfahren, ihren Kämpfen und Sehnsüchten und Niederlagen, und wie sie zu einem zartwutbitteren Familien-, Zeit- und Sittengemälde zusammenfließen könnten, bevor jede Erinnerung daran entschwinde - so lässt er in den „Schönen Tagen von Aranjuez“ ein Paar ein letztes Sommermärchen erleben. Bevor der Herbst und der Winter und der Tod kommen. Alarm- und Ambulanzsirenen und ein paar ferne Detonationen kündigen ihn schon an. Letzte Fragen: Wie war das mit der Liebe? Wie kam es dazu? Was bedeutete sie? Wie viele Männer hattest du? Was hast du empfunden? Der Mann fragt, forscht nach der Frau. Sie antwortet, erforscht sich. Sie träumt erinnernd von Liebe, auch von solcher Liebe, wie sie in Filmen oder im Theater, in „Endstation Sehnsucht“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, vorkommt, er von Landschaften, Früchten, platzenden Blüten, den Tönen von Schmetterlingsflügeln, den wilden Johannisbeeren in den Wäldern rund um Aranjuez.

          Zwei typisch schöne, süßleidige Handke-Figuren. Etwas rätselhaft. Etwas flirrend. Etwas unwirklich. Etwas kitschig. Etwas peinlich. Doch sind sie mehr Poesie als Fleisch. Deshalb auch haben sie Anspruch auf jedwede Peinlichkeitsentlastung. Zwei Verdichtete. Sie ganz Seele. Er ganz Auge. Beide ganz Sprache. Blühende, sich wölbende, in Bildern sich selbst erklärende und erlösende schöne Sprache.

          Die Sprache ist schön, das Theater matt

          Man müsste die beiden nur sitzen, sprechen und träumen lassen. Und wenn sie leichthüftig, fast schwebend säßen, klar, innig und geheimnistoll sprächen und noch besser träumten - dann ergäbe sich auf der Bühne alles von allein. Und es wäre Sache phantastischer Regie und Schauspieler, das Sommerliebesmärchen in eine fulminante Atmosphäre von Anziehung und Sehnsucht zu ziehen, von Sprechakten, die Liebesakte sein könnten, von erinnerter Erzählung, die zu einem wundersam gegenwärtigen Liebesabenteuer nur der gegenseitigen begehrenden Blicke und eifersuchtsschwirrenden Untertöne werden könnte. Kurz: zu einer Theaterangelegenheit Luc Bondys, des Meisters derartiger Zwischenmenschenseelentöne. Und es entstünde eine eigene, fremde Welt. Geschaffen vom Theater.

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