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Literaturstar Guo Jinming : Chinas Stern

  • -Aktualisiert am

Kunstgeschöpf seiner selbst: Der Schriftsteller Guo Jingming feiert bei der Jugend Erfolge, von denen andere nur träumen. Bild: Guo Jingming

Warm, leicht und vage spirituell: Guo Jingming macht aus der Literatur ein glanzvolles Geschäft und bringt China zum Erschrecken über sich selbst.

          6 Min.

          Der Schriftsteller Guo Jingming wird in China mit Superlativen überhäuft: Er gilt als der jugendlichste, gepflegteste, fleißigste, erfolgreichste, meistgehasste Autor des Landes. Ein Attribut aber krönt die anderen und fasst sie zusammen: Er ist der reichste von allen, Chinas reichster Schriftsteller.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er selbst sorgt dafür, dass diese Eigenschaft nicht unbemerkt bleibt. Der Dreißigjährige führt seinen Cadillac vor, nickt vielsagend lächelnd, wenn er gefragt wird, ob sein Jahreseinkommen 24,5 Millionen Yuan (etwa drei Millionen Euro) übersteige, und er zeigt in seinem Blog Fotos von der Terrasse seiner Wohnung gegenüber der Plaza 66, einer der teuersten Immobilienadressen Schanghais. Und dies alles hat er mit der Literatur erreicht.

          Nach der Literatur kommt das Kino

          Selbst dem Nobelpreisträger Mo Yan, einem Romancier mit durchaus anderem Habitus, nötigte er das schillernde Lob ab: „Guo Jingming ist der einzige Schriftsteller, der die Art Leben, die er lebt, allein durchs Schreiben leben kann.“ Guo hat aus der Literatur eine glamouröse Branche gemacht, die sich hinter traditionell einträchtigeren glamourösen Branchen nicht zu verstecken braucht.

          Jetzt hat er seinen ersten Spielfilm gedreht, „Tiny Times“, eine Verarbeitung seines gleichnamigen Romans über das Leben von vier karrierewilligen jungen Frauen im Kreativmilieu, den er 24 Millionen Mal verkauft hat. Auch der Film brach schon am ersten Aufführungstag viele Rekorde: 2,1 Millionen Besucher bei 35 000 Vorstellungen, 73 Millionen Yuan Einnahmen. Nach drei Tagen waren es schon 200 Millionen. In dem Film stecken zwei nicht sehr verborgene Selbstporträts. Der Halbgott der „Kleinen Zeiten“, cool, unnahbar, Sonnenbrille, Maßanzug, umgeben von Leibwächtern und Assistenten, ist der Chef einer Kultur- und Lifestyle-Zeitschrift mit dem Motto „Be yourself!“. Der ganze Umkreis der Zeitschrift, all die Models, Redakteure, Assistenten, Kreative, Kulturmanager, tun alles, um dem Leitsatz nachzukommen, und das Ergebnis ist, dass sie, ob Männer oder Frauen, alle ähnlich aussehen (jung, schlank, glatt) und ihrem Chef jeden Wunsch von den meist verschlossenen Lippen ablesen.

          Insignien wie ein Hollywood-Star

          Die Heldin des Films, die nichts lieber als Assistentin werden will, sammelt Punkte, als sie dem vergesslichen Halbgott im Aufzug den Namen des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer sagen kann, doch ansonsten zählen in dieser Welt eher andere Namen, die jener Markenprodukte nämlich, deren Hersteller im Abspann des Films als Partner genannt werden. Die coole Maske des Chefs ist so undurchdringlich, dass schon die zarteste Andeutung eines menschlichen Gefühls seinerseits von den Untergebenen als Offenbarung seiner diskreten Güte gefeiert wird.

          Der Halbgott im Chefsessel repräsentiert die Insignien der Macht, auf die es Guo Jingming ankommt. Bei Signier-Terminen erscheint er mit zwei Leibwächtern, und ansonsten beschäftigt er fünf persönliche Assistenten, von denen zwei allein für die Kleinigkeiten im Leben zuständig sind: also zum Beispiel die tägliche Zubereitung eines Vogelnests, einer kostspieligen Delikatesse. Er nimmt nur eine Mahlzeit am Tag zu sich, ansonsten versorgt er sich mit Nahrungsergänzungspillen und mit Säften aus Broccoli, Möhren, Nüssen und Spinat.

          Selbstbildnisse

          Auch auf sorgfältige Toilette legt er Wert, Frisur und Teint sind immer skrupulös zurechtgemacht, bis das unnachahmlich Androgyne, fast Außerirdische seiner Erscheinung sitzt, das ihn zu einer Art chinesischem Michael Jackson macht. Er nutzt sein Geld, um sein Aussehen zu erhalten, das das Aussehen seines bevorzugten Leserpublikums ist, also von Leuten, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Da er nur 152 Zentimeter groß ist, wird er im Flugzeug manchmal gefragt, ob er denn nicht von seinen Eltern begleitet werde. Der Rest ist Arbeit. Er ist bis vier Uhr morgens im Büro, und außer den drei Tagen rund um das Frühlingsfest hat er seit Jahren keinen Urlaub gemacht.

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