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Literatur : Vom idealen Zeitpunkt, seine Pfeife auszuklopfen

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Bei wirklich guten Geschichten kommt es immer darauf an, wie erzählt und niemals, was erzählt wird. Mag ihr Stoff noch so gewichtig sein, ihre Figuren einprägsam, ihr Schauplatz bedeutsam und die Begebenheit, um die es geht, noch ...

          Bei wirklich guten Geschichten kommt es immer darauf an, wie erzählt und niemals, was erzählt wird. Mag ihr Stoff noch so gewichtig sein, ihre Figuren einprägsam, ihr Schauplatz bedeutsam und die Begebenheit, um die es geht, noch so bemerkenswert - all das kommt überhaupt nur zur Geltung, wenn die Geschichte richtig gut erzählt ist. Entscheidend ist daher allein die Rolle des Erzählers. Sein Vermögen, einen Spannungsbogen zu entwickeln, die Pointen klug zu setzen und ganz beiläufig das Eigentliche einer jeden Sache dadurch rauszukitzeln, dass er uns wie zufällig selbst darauf stoßen lässt und eben dadurch immer mehr in seinen Bann zieht, dass wir bei jedem seiner Worte fürchten müssen, das Wesentliche zu verpassen: das ist die wahre Größe dieser Kunst.

          Ein solcher Meister ist hier zu entdecken, und listig, wie er ist, gibt er sein Erzählgeheimnis gleich zu Anfang preis: "Das Entscheidende ist, ganz genau zu wissen, in welchem Moment man seine Pfeife an seinem Veldskoen ausklopfen muss und an welchem Punkt der Geschichte man anfangen muss, über das Schulkomitee von Drogevlei zu reden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist zu wissen, welchen Teil der Geschichte man auslassen muss." Das erklärt uns Oom Schalk Lourens, die Sprechrollenfigur des Autors Herman Charles Bosman, zum Auftakt der Titelstory dieses Bandes. Keine Frage, sie entstammt einer entlegenen, für uns sehr fremden, ja zutiefst befremdlichen Welt. Wir brauchen das Glossar, das der Verlag der Sammlung beigibt, um zu erfahren, dass "Veldskoen" eine Art Mokassins bezeichnet, selbstgemachte Schuhe, wie sie die burischen Farmer des alten Südafrika zu tragen pflegten.

          In diese Welt puritanischer Siedler also, die sich in einem rauhen, weiten, unwirtlichen Land, das sie als das ihre ansehen, mit harter Arbeit und Ausbeutung ein besseres Leben schaffen wollen, führen uns diese Geschichten, angesiedelt im abgeschiedenen Provinzdistrikt Groot Marico nordwestlich von Johannesburg zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Die Frage ist, warum sie uns derart unter die Haut gehen, dass man ihre sämtlichen Absonderlichkeiten so sehr genießen und die räumliche und zeitliche Distanz so schnell vergessen kann.

          "Mafeking Road" beispielsweise, das mit der zitierten Selbsterklärung des Erzählers einsetzt, schildert eine Episode aus dem Burenkrieg von 1899 aus der Sicht seiner Verlierer im Rückblick einer Generation. Es geht um ein kleines Feldkommando, das den burischen Belagerern der Stadt Mafeking zu Hilfe eilen soll, erst den Weg dorthin kaum findet, um dann vor Ort von britischen Truppen unter Baden-Powell gestellt und in die Flucht geschlagen zu werden.

          In die Wirren dieser militärischen Vernichtung, mit der alle hochgemute Hoffnung auf Befreiung vom Joch des verhassten Empire kläglich stirbt, mischt sich ein Familiendrama und verschränkt die historischen Kriegsfronten mit einem Generationenkonflikt. Ein Vater schämt sich seines Sohnes, der sein junges Leben nicht mehr länger der verlorenen Sache widmen will und beschließt, sich lieber den Engländern zu ergeben. Am Ende der Nacht ist er tot. Auf dem stolzen Bild des Familienstammbaums, der bis in die Zeit der niederländischen Befreiungskriege reicht, muss der Vater ihn daher als Kriegsverlust eintragen.

          Gewiss, Stoff und Schauplatz der Geschichte mögen schon als solche interessant sein. Wer kennt heute überhaupt den Namen jener Stadt, wo einst ein Weltreich einer Schar entschlossener Lokalbelagerer standhalten musste und BadenPowell das heroische Durchhaltevermögen seiner Männer zur Gründung der Pfadfinderbewegung inspirierte? Zumal die Tatsache, dass diese Heldengeschichte hier von anderer Seite, ihren Opfern nämlich, übermittelt wird, macht sie lohnend.

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