https://www.faz.net/-1vs-6mhfm

Literatur : Dieses besondere Blau der Berge bei Fukushima

  • -Aktualisiert am

Der autobiographische Roman von Sô Aono beginnt an dem Grabstein der Mutter mit dem Satz des Ich-Erzählers: "Mutter! Wo bist du? Wie gern ich dich jetzt sehen würde. . . ". Was folgt, ist die Suche nach der Mutter, die auch eine Selbstfindung des Helden ist.

          Der autobiographische Roman von Sô Aono beginnt an dem Grabstein der Mutter mit dem Satz des Ich-Erzählers: "Mutter! Wo bist du? Wie gern ich dich jetzt sehen würde. . . ". Was folgt, ist die Suche nach der Mutter, die auch eine Selbstfindung des Helden ist.

          Der Ich-Erzähler ist Autor, wie der 1943 geborene Sô Aono. Sein leiblicher Vater ist der bekannte Literaturkritiker Suekichi Aono, dessen Ehefrau Mizuho keine Kinder bekommen hat und der daher mit seiner Geliebten (der leiblichen Mutter des Autors) vier uneheliche Kinder hat.

          Seine Mutter hat der Erzähler schon mit zwei Jahren verloren. Er ist der Auffassung, dass er mit seiner Geburt der Mutter die letzte Kraft geraubt hat, so dass diese einige Monate danach an Schwindsucht starb. Als Kleinkind hat er dummerweise von seinem betrunkenen Vater den an seine Geschwister gerichteten Satz aufgeschnappt: "Hätte sie den Kerl nicht zur Welt gebracht, wäre eure Mutter nicht gestorben." Dieser Satz dringt erst viel später wieder in sein Bewusstsein.

          Die Stationen der Suche nach der Mutter schlagen sich in den Überschriften zu den fünf Kapiteln nieder, in die das Buch gegliedert ist. Im ersten Kapitel "Mutter! Wo bist du?" wird die Vorgeschichte beschrieben: Während des Krieges wurde die Stiefmutter, getrennt von den Geschwistern des Autors, zu Verwandten in die Provinz geschickt. Seine Mutter und der Ich-Erzähler fuhren erst kurz vor Ende des Krieges zur Großmutter nach Akita in Tôhoku, dem "Nordosten" der Hauptinsel Japans, wo seine Mutter einige Monate später stirbt.

          Als seine Stiefmutter fünf Jahre nach Kriegsende von den vier unehelichen Kindern ihres Mannes erfährt und alle zusammen unter ein Dach ziehen, gerät der Erzähler unter die Fuchtel der Stiefmutter. Unter deren "überwältigender Macht gerieten die Frauen für ihn wohl zu bedrohlichen Wesen". Es folgt ein unstetes Leben mit drei Ehen. Erst nach dem Tod der Stiefmutter und als seine dritte Frau Rie schwanger ist, beginnt der Erzähler sich auf seine eigene Mutter zu besinnen. Rie drängt ihn zum Besuch von deren Grab in der Hoffnung, dass er dann, wenn es sein aufrichtiger Wunsch sei, vielleicht am Grabstein die Stimme der Mutter hören würde oder eine Zwiesprache mit ihr führen könne.

          Angeregt hatte sie dazu ein Indianer, in dessen Kultur ein heiliger Stein gleichsam ein Medium ist, das die Stimmen der Ahnen in die Welt der Gegenwart überträgt. Diese Stimmen hätten ihm gesagt, dass er die Menschheit vor den "Teufelstürmen", also den in Japan zahlreichen Atomkraftwerken, warnen müsse. Der Indianer hatte auf seiner Tour von Hokkaidô über Aomori, Niigata und Fukushima in Akita Station gemacht.

          Der Erzähler wohnt in der Stadt Fukushima, zweihundert Kilometer entfernt von Tokyo, wo seine Frau Rie und sein Sohn leben. Sie hatten nach anderthalb Jahren Zusammenleben entschieden, in getrennte Wohnungen zu ziehen, aber ohne sich zu trennen. Nach Fukushima ist er gezogen, "weil er die Erde kennenlernen wollte, wo seine Mutter geboren und gestorben ist". Außerdem wollte er einmal mit seinem Sohn die Schönheit der umliegenden Berge Adatara und Iidesan erwandern und einen richtigen Himmel mit dem besonderen Blau über den Adatara-Bergen bei Fukushima sehen.

          Dieses wunderbare Blau, das durch die Dichterin Chieko Takamura (1886 bis 1938) bekannt wurde, kann er nun sehen, wenn er aus dem Fenster seines Hauses blickt, wobei er auch gleich entdeckt, dass "am Meer hinter der Abukuma-Bergkette eine ganze Kohorte störanfälliger Atomkraftwerke steht - verfluchte Auswüchse einer Generation, die, einzig nur materiellen Wohlstand vor Augen, jeglichen Sinn für andere Werte verloren hat. Wenn ein Unglück geschähe, wäre diese Gegend, die ja nicht weit von der Küste entfernt ist, der Katastrophe hilflos ausgeliefert." Diese Bemerkung auf Seite sechsundvierzig in dem im japanischen Original schon 1991 erschienenen Roman bekommt durch die Ereignisse in Japan eine neue Dimension, als ob der Autor mit seherischen Kräften ausgestattet wäre.

          Auf der Spurensuche nach seiner Mutter muss sich der Autor mit spärlichen Funden begnügen. So bekommt er von seiner Schwester ein altes Foto der Mutter, als diese Anfang dreißig war - "Mutter, ich möchte dein Antlitz sehen", heißt deshalb das zweite Kapitel des Buches. Die Schwester gibt ihm auch einen Brief seiner Mutter von 1936. Die Handschrift macht ihn sprachlos.

          Der Autor ist viel in der Welt herumgekommen, war in Paris, in vielen europäischen und nordafrikanischen Ländern, Israel, Mittel- und Südamerika sowie in Afghanistan. Während des Vietnamkrieges hörte er in Paris die Studenten den Ruf "John-son-assa-sin!" skandieren, der ihn zu der Überschrift: "Mutter, die Eisnadeln unter den Füßen rufen ,Assassin!'" für das letzte Kapitel inspirierte.

          Seine Wanderjahre führten einerseits zu einer Entfremdung von seinem Heimatland Japan, die sich auch in seinen Träumen widerspiegelt, wenn er im Traum nämlich "keinen Boden unter den Füßen mehr hat und schwerelos zehn Zentimeter über dem Boden schwebt". Diese Entfremdung ist ein Grundthema des Autors, das er schon in seinem früheren Roman "Gusha no yoru" ("Nacht der Narren") mit den folgenden Sätzen angesprochen hat: "Das Land der Ahnen ist schrecklich vorsichtig. Es nimmt einen, der einmal hinausgegangen ist, nicht so leicht wieder auf. Was ich gegenwärtig erfahre, ist die Strafe dafür." Andererseits ist diese Wanderschaft auch eine Flucht vor dem Gefühl, schuld zu sein am Tod der Mutter.

          Angeregt durch Rie, die den Geburtstag ihres Sohnes am liebsten gemeinsam mit dem Erzähler verbringen möchte, merkt er am Ende des Buches, dass es für ihn doch viel wichtiger ist, Vater zu sein. Ein richtiger Vater! Daher beschließt er, sich nun öfter an seinen verstorbenen Vater zu wenden - eine fabelhafte Vorlage für einen nächsten Roman.

          Sô Aono: "Mutter wo bist du". Ein autobiografischer Roman. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg. be.bra verlag, Berlin 2010. 217 S., geb., 24,90 [Euro].

          Topmeldungen

          Die Faust geballt, der Blick geht nach Berlin: Robert Lewandowski zieht mit dem FC Bayern ins DFB-Pokalfinale ein.

          Furioses 3:2 in Bremen : FC Bayern nach Spektakel im Pokalfinale

          Die Münchener führen im Halbfinale des DFB-Pokals lange, dann trifft Werder Bremen binnen weniger Sekunden gleich zwei Mal. Doch am Ende jubelt trotzdem der FC Bayern – Trainer Kovac stellt zudem eine beeindruckende Bestmarke auf.