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: Langer Schatten und große Strahlkraft

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Am 15. April wird Richard von Weizsäcker neunzig Jahre alt. Gleich drei Verlage bedenken ihn mit Biographien. Die Journalisten Hermann Rudolph und Gunter Hofmann sowie der ehemalige Weizsäcker-Mitarbeiter Friedbert Pflüger schreiben um die Wette über den Adjutanten im Infanterieregiment Nr.

          7 Min.

          Von Rainer Blasius

          Am 15. April wird Richard von Weizsäcker neunzig Jahre alt. Gleich drei Verlage bedenken ihn mit Biographien. Die Journalisten Hermann Rudolph und Gunter Hofmann sowie der ehemalige Weizsäcker-Mitarbeiter Friedbert Pflüger schreiben um die Wette über den Adjutanten im Infanterieregiment Nr. 9, Juristen bei Mannesmann und bei Boehringer, Präsidenten des Evangelischen Kirchentages, Bundestagsabgeordneten, Regierenden Bürgermeister von Berlin und Bundespräsidenten. Am konventionellsten geht Rudolph vor, chronologisch, vornehm im Ton und die "dritte Amtszeit" ab 1994 einbeziehend. Er begreift den "Elder Statesman" als liberalen Bürger, der sich "im Nachdenken, im freien Engagement, im gelegentlichen Intervenieren" verwirkliche: "Noch stärker als bisher tritt bei ihm das Freisinnige hervor, vielleicht auch der Freigeist, jedenfalls eine große Eigenständigkeit."

          Weizsäcker sei "Zeitzeuge und Deuter in einem". In diesem Zusammenhang geht es um Ernst von Weizsäcker: "Das Hineintauchen und Hineingetauchtwerden des deutschen Bürgertums in das Dritte Reich ist für ihn in der Rolle des Vaters, des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, zum Exempel geworden. Als sein Hilfsverteidiger beim Kriegsverbrecherprozess vor dem Nürnberger Gerichtshof war Weizsäcker tief in dieses Familienkapitel involviert." Ob seine Beschäftigung mit der Vergangenheit als Kompensation des "familiären Schicksals" zu verstehen sei, fragt der "Tagesspiegel"-Herausgeber Rudolph. Jedenfalls hätten Richard und sein Bruder Carl Friedrich "durchweg mit großer Empfindlichkeit reagiert, wann immer die Rede auf den Vater kam". War der Staatssekretär ein "Mann des Widerstandes"? Ernst von Weizsäcker "hat dies nie von sich behauptet, auch sein Sohn nicht, wenngleich er dazu neigt, dem Vater ein Widerstehen gegen Hitler zu attestieren, das von Widerstand kaum noch zu unterscheiden ist." Nun wollte der Staatssekretär 1938/39 mit aller Kraft den "großen Krieg" gegen die Westmächte verhindern, blieb dann nach Hitlers Polenfeldzug auf dem Posten, um "Schlimmeres" zu verhüten. Dabei sei er "auch in den Judenmord verwickelt" gewesen, habe Deportationen mit seiner Paraphe gebilligt: "Kann man aber seiner Erklärung glauben, er habe das Ziel dieser Deportationen, die Vernichtung der Juden, nicht gekannt?" Laut Richard von Weizsäcker sei dem Vater bis zur Versetzung an den Vatikan 1943 nicht klar gewesen, "was der Name Auschwitz bedeutete". Solche Beteuerungen stoßen bei Rudolph angesichts der verfügbaren Forschungen "auf Skepsis, und sie bleiben erst recht erstaunlich, wenn - wie der Sohn in seiner Rede vom 8. Mai 1985 behauptet hat - selbst den Durchschnittsdeutschen nicht hat entgehen können, dass Deportationszüge rollten, sofern sie nur ihre Augen und ihre Ohren geöffnet hatten".

          Für die Politik entdeckt wurde Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, im Jahr 1965 von Helmut Kohl, dem Bundeskanzler der Jahre 1982 bis 1998. Sehr eindrucksvoll war laut Rudolph ab Juli 1984 "die Erfolgskurve, die Weizsäckers Präsidentschaft in die verunsicherte Republik einzeichnet. Hat der Essayist Johannes Gross nicht behauptet, das Amt des Bundespräsidenten sei machtlos, ,eine Spitze, auf die nichts zuläuft'? Bald sieht man, was alles von dieser Spitze ausgeht und welche politisch-moralische Macht sie entfaltet." Höhepunkt war die Rede am 8. Mai 1985 - "Geschichtserzählung und Standortbestimmung, Trauerarbeit und Totenklage, Vergegenwärtigung der von Deutschland verübten Schrecknisse und Meditation über Schuld und Unschuld". Da glänzte Weizsäcker, während Rudolph den Bitburg-Besuch von Präsident Reagan und Kohl zum "dunklen Gegenbild" stilisiert. Avanciert sei Weizsäcker dann wie von selbst "zum Ersatz- und Überkanzler, an dem gemessen Kohl ein klägliches Bild abgibt".

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