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: Langer Schatten und große Strahlkraft

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Im Weizsäcker-Zweitling, der die ganze Amtszeit in den Blick nimmt, erzählt Pflüger eine Begebenheit "zum ersten Mal": Mit Thilo Steinbach, dem außenpolitischen Berater des DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, habe er Kohls Ansatz einer deutsch-deutschen Konföderation "ein wenig weiter" entwickelt. "Dazu müsse, so unser Plan, Weizsäcker einfach - neben seinem Amt als Bundespräsident - auch Vorsitzender des Staatsrates der DDR werden. Das wäre ein deutliches Zeichen des Einheitswillens und würde der DDR doch Zeit geben, sich langsam und mit eigenen Vorstellungen in den Einigungsprozess einzubringen." Und weiter: "Meine damalige Frau, Margarita Mathiopoulos, und ich luden am 4. Mai 1990 mehrere Persönlichkeiten zu einem kleinen Empfang bei uns in Königswinter-Ittenbach ein, darunter Weizsäcker und Steinbach. Diese begaben sich irgendwann in den Garten und diskutierten die Idee. Weizsäcker fand den Vorschlag immerhin so reizvoll, dass er ihn wenige Tage später mit de Maizière persönlich vertiefte. Der hielt die Sache gleichfalls für spannend, doch sahen beide auch die staatsrechtlichen Probleme." Doch Kohl sei damals "längst" entschlossen gewesen, "alle Konföderationsgedanken zu begraben".

Eine andere Begebenheit erwähnte Pflüger schon 1990, ohne dass sie besonders beachtet wurde: "Ursprünglich hatte der Bundespräsident beabsichtigt, in seiner Rede am 8. Mai 1985 die Begnadigung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß zu fordern." Nun erzählt Pflüger zum zweiten Mal und ausführlicher davon. Beim Thema Heß sei es Weizsäcker "ausschließlich um Gnade für den alten Mann, nicht etwa um Relativierung von Schuld und Mitwirkung" gegangen. Dies sei Weizsäcker "besonders wichtig" gewesen, "vielleicht auch vor dem Hintergrund der Biografie des Vaters". Pflüger habe am 6. Mai 1985 abends wegen der "verheerenden Wirkung" des Treffens Reagan/Kohl in Bitburg Weizsäcker angerufen, weil er bereits die Schlagzeile "Präsident fordert Freilassung des Hitler-Stellvertreters!" fürchtete. Doch der "reagierte zuerst sichtlich genervt, weil er ja die Gegenargumente kannte". Am 7. Mai holte Pflüger ein Meinungsbild der Mitarbeiter im Präsidialamt ein, berief sich darauf in einem weiteren Telefonat mit Weizsäcker, der nur "knurrte": "Sie haben sie agitiert." Erst am Nachmittag verkündete Weizsäcker zu Pflügers "Erleichterung, dass er auf die Heß-Sätze verzichten, sie aber bei einer anderen Gelegenheit vortragen werde". Überhaupt meint Pflüger, "dass die Biografie und Lebensweise des Vaters prägenden Einfluss auf den Sohn, dessen Sichtweisen und Lebensthemen hatten. Vielleicht kommt es auch daher, dass er nach Möglichkeit größere Konflikte vermied und immer wieder versuchte, es möglichst vielen recht zu machen."

Den drei im doppelten Sinne flott geschriebenen Würdigungen ist gemeinsam, dass sie Weizsäckers Wirken wohl allzu stark vom "Lernort Nürnberg", also von seiner Hilfsverteidigerzeit her interpretieren. Zudem werden Weizsäckers dienstliche und private Unterlagen nicht herangezogen. Und was die Vor-Bundespräsidenten-Phase betrifft, so schlachten die Autoren vor allem den 1984 von Werner Filmer und Heribert Schwan herausgegebenen Sammelband "Richard von Weizsäcker. Profile eines Mannes" aus. Vielleicht darf man zum hundertsten Geburtstag auf eine Biographie hoffen, die einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, andererseits auch Richard von Weizsäckers Prägungen durch seine höchst beeindruckende Mutter Marianne geborene von Graevenitz nachspürt.

Gunter Hofmann: Richard von Weizsäcker. Ein deutsches Leben. Verlag C.H. Beck, München 2010. 295 S., 19,95 [Euro].

Friedbert Pflüger: Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral. Deutsche Verlags- Anstalt, München 2010. 223 S., 19,95 [Euro].

Hermann Rudolph: Richard von Weizsäcker. Eine Biographie. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2010. 288 S., 19,95 [Euro].

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