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: Langer Schatten und große Strahlkraft

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Weizsäckers Wiederwahl fand im Mai 1989 statt. Für die Phase der Weichenstellung nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 "verlor der Bundespräsident, die überragende politische Identifikations- und Integrationsfigur der alten Bundesrepublik, seine orientierende Kraft. Das hat das Phänomen Weizsäcker nicht ernstlich beschädigt, aber es hat es verändert. Eingezwängt zwischen der Erkenntnis, dass die Vereinigung nicht anders möglich gewesen wäre, und der Überzeugung, dass sie anders hätte verlaufen müssen, machte er die Schieflage im Seelenleben der Nation zu seinem Thema, halb Mutmacher, halb Therapeut." Er habe sich als Stimme der Ostdeutschen verstanden. Zudem ziehe sich Weizsäckers Einsatz für die deutsch-polnische Verständigung "wie ein roter Faden durch sein politisches Engagement".

In Rudolphs Buch weist das Personenregister fast vierzig Mal den Vater Ernst nach, Gunter Hofmann kommt auf das Doppelte. Hofmanns Resümee lautet: "Seit 1989 ging es darum, klar zu machen, dass Europa ohne Polen nicht zu denken sei. Dafür steht Weizsäcker heute. Was er sagt, sagt er differenziert, und im Zweifel auch deutlich, in dieser Reihenfolge. Ernst von Weizsäcker in Nürnberg, das blieb nicht das letzte Wort. Man hört die Stimme des Sohnes heraus. Das gilt nicht nur für den 8. Mai 1985, es gilt generell. Nach der Hinwendung zu Frankreich, für die noch der ,Weimarianer' Adenauer sorgte, ist es die konsequente, unbeirrbare Hinwendung zu Polen, die man neben Brandt und Bahr, Dönhoff und Schmidt insbesondere mit Richard von Weizsäcker verbindet." Der Autor will zeigen, wie fixiert Weizsäcker angeblich bis zum heutigen Tage auf seinen Vater sei. Der Staatssekretär der Jahre 1938 bis 1943 stand "nicht auf Seiten des Regimes, aber auch nicht auf Seiten einer konsequenten Opposition". Und überhaupt habe er sich "fatal geirrt". Bei der Lektüre der Präsidenten-Memoiren "Vier Zeiten" (1997) kam es dem früheren "Zeit"-Chefkorrespondenten so vor, "als habe der Sohn einen Vater kennengelernt, erlebt und akzeptiert, so wie er ,im Innersten' war - ohne wirklich nachvollziehen zu können, wie er agierte. Das ,Wesen' war nicht zu ändern, das ,Handeln' verstand er nicht, schon gar nicht durchweg." Und Hofmann legt noch nach: "Das ,Wesen' des Vaters sei das Entscheidende gewesen, nicht sein ,Handeln', hat der Sohn gesagt. Dieses ,Wesen' jedoch blieb verhüllt. Das verteidigte der Sohn, nicht die Handlungen."

Außerdem nimmt Hofmann noch Ernst von Weizsäckers Verteidiger Hellmut Becker ins Visier: "In die Rolle des ,Widerständlers' habe er den Vater hineingetrieben, heißt es inzwischen." Hier ist ein "Einspruch, Euer Ehren!" angebracht: Der Weizsäcker-Familie samt ihrem Hilfsverteidiger hat dieses - von der Journalistin Margret Boveri und dem Historiker Hans Rothfels ausgeschmückte - Bild vom Widerständler verständlicherweise gefallen. Becker spielte übrigens in der Bundesrepublik "eine große Rolle als Reformpädagoge, Bildungsforscher und linksliberale Stimme". Mittlerweile werde - so Hofmann - dessen Vergangenheit kritisch aufgespießt, "einschließlich der Mitgliedsnummer in der NSDAP".

Autor Friedbert Pflüger war ab 1981 Mitarbeiter Weizsäckers in Berlin, von Juli 1984 bis September 1989 Pressesprecher des Bundespräsidenten, von 1990 bis 2006 Mitglied des Bundestages (CDU), zudem 2005/2006 Parlamentarischer Staatssekretär. Der 1955 geborene Politikwissenschaftler legte vor 20 Jahren das 500-Seiten-Werk "Richard von Weizsäcker. Ein Porträt aus der Nähe" vor, das auf breite Resonanz stieß, wenn auch einige Rezensenten über die Kammerdienerperspektive spotteten. So schrieb Ignaz Miller in der "Neuen Zürcher Zeitung", das Buch sei "mit nebensächlichen Details überladen" und erinnere in einige Passagen stark an Hedwig Courths-Mahler, "die sich aber sicher nie so missverständlich ausgedrückt hätte". Mittlerweile kann sich Pflüger kürzer fassen. In der Einleitung zum 200-Seiten-Buch "Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral" blickt er zurück auf seinen Weizsäcker-Erstling, den er "voller Bewunderung für den Chef und väterlichen Freund" geschrieben habe.

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