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Kunstbiennale Peking : Absoluter Kontrollverlust

  • -Aktualisiert am

Die Pekinger Kunstbiennale verschiebt die Grenzen staatlicher Kulturpolitik. Unter dem Deckmantel der „Wissenschaft“ sickert Gegenwartskunst in die chinesische Öffentlichkeit.

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          Nicht zu Unrecht gilt in Pekinger Mittelschichtenfamilien heute auch das Künstlerdasein als einträgliche Karriere. So ist es von bewegender, den sozialen Ort der chinesischen Gegenwartskunst blitzartig erhellenden Ehrlichkeit, wenn die junge Künstlerin Ma Qiusha in einem Video, in dem sie ihr Leben erzählt, auch davon berichtet, wie ihre Mutter sie regelmäßig beim Zeichenunterricht überwachte. Man mag darüber streiten, ob die Künstlerin dazu auch noch eine Rasierklinge in den Mund hätte stecken müssen - auch ohne dieses drastische Mittel hätte der Betrachter wahrscheinlich gemerkt, dass bei diesem Selbstporträt jedes einzelne Wort schwerfällt und meilenweit entfernt ist von der munteren Indolenz, die manche geschäftstüchtige chinesische Künstler heute vor sich hertragen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der schmerzliche Grundton ist charakteristisch für diese Erste Biennale, die zur Zeit das Museum der Pekinger Kunstakademie ausrichtet. So umfassend ist zeitgenössische Kunst wohl noch nie von einem staatlichen Museum in China gezeigt worden. Bislang waren es allenfalls einzelne Künstler oder wegen ihres technokratischen Appeals unverfängliche Sujets wie „Medienkunst“, an die sich Institutionen wie das Nationale Kunstmuseum in Peking herantrauten. Es ist immer noch ungewöhnlich für die weitgehend an chinesischer Tradition oder sozialistischem Realismus orientierten offiziellen Einrichtungen, etwas als Kunst zu präsentieren, was nicht Gemälde oder Skulptur ist. Der stellvertretende Präsident der Pekinger Kunstakademie ist nun aber seit drei Jahren Xu Bing, einer der weltweit anerkanntesten chinesischen Konzeptkünstler, der achtzehn Jahre lang in Amerika lebte. Offenkundig ist ihm gelungen, die Grenzen staatlicher Kunstpolitik etwas zu verschieben.

          Gegenwartskunst in beeindruckender Architektur

          Das Vehikel zur Akzeptanz scheint dabei die „Wissenschaft“ zu sein. Bei der Eröffnung, zu der die Kunstgesellschaft Pekings fast vollzählig erschienen war (Ai Weiwei fehlte, der von der Kunstszene der Stadt so wenig als ihr Teil angesehen wird, wie er sich selbst keinem und erst recht nicht diesem Milieu zugehörig fühlt), wurde immer wieder betont, dass es sich um die erste große auf akademischer Forschung basierende Ausstellung in China handele. So wurden unter dem Titel „Super-Organism“ jede Menge Theoriebausteine zusammengestoppelt, die durch ihren Import nach China leider auch nicht die Prägnanz bekommen, die ihnen schon in westlichen Kunstdebatten fehlt; herausgekommen ist am Ende ein Amalgam, das nicht weniger als Maschine, Urbanität, Körper und Biopolitik zu einem einzigen Thema vereint.

          Glücklicherweise hat die real existierende Ausstellung mit diesem Popanz dann aber nur am Rande zu tun. In den beeindruckend lichten Hallen des von dem japanischen Architekten Arata Isozaki 2008 muschelförmig gestalteten Museums der Akademie werden 52 Künstler gezeigt, einige internationale wie William Kentridge und Wim Delvoye (auch das Goethe-Institut beteiligt sich mit Gesprächspartnern für das begleitende Diskursprogramm), vor allem aber einige der wichtigsten chinesischen Gegenwartskünstler. Pekinger Galeriegängern dürften die meisten Arbeiten nicht unbekannt vorkommen; es ist eher der offizielle Ort, der diese Zusammenstellung auf hohem Niveau zu einem Ereignis macht.

          Zitternde Menschen

          So sind neben Klassikern wie Huang Yongpings Drachenboot-Installation von 2003 (eine Parabel auf die Tücken einer chinesisch-westlichen Identität) und Xu Bings Meditation mit Originalasche vom 11. September, die er 2004 zum ersten Mal gezeigt hatte, auch Ausschnitte aus dem aktuell eingreifenden „Schlüsselworte“-Projekt von Xu Tan zu sehen. Die Videos zeigen Gespräche, in denen allein immer wiederkehrende Begriffe wie „Versicherung“, „Korruption“ oder „Angestellte“ zu verstehen sind und als Untertitel eingeblendet werden; die Interviews sind Teil eines akustisch, visuell und schriftlich dokumentierten Testverfahrens, mit dem Xu die Worte auf ihre gesellschaftliche wie individuelle Wirkkraft untersuchen will.

          Um rein physische Reflexe scheint es dagegen bei den ebenso unheimlichen wie grotesken Videotafeln zu gehen, auf denen Jiang Zhe nackte Menschen in unterschiedlichen Posen zeigt: Sie alle zittern, als ob Stromstöße sie in einem fort durchzuckten. Ist da der absolute Kontrollverlust des Körpers dargestellt oder im Gegenteil, wie ein Kommentar des Künstlers nahelegt, ein kontrolliertes Zittern? Vielleicht ist es gerade ein Qualitätsmerkmal einiger neuer chinesischer Künstler, dass sie ihre eigenen Inszenierungsvorkehrungen mit zum Thema machen.

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