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Konrad Schuller : Die Angst ist zurück

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Mein Freund Petro hat zuerst nichts gesagt; dann aber habe ich es von einem gemeinsamen Bekannten erfahren: Petro hat Fragen beantworten müssen. Fragen über mich. Der Mann, der die Fragen stellte, war vom Geheimdienst.

          Mein Freund Petro hat zuerst nichts gesagt; dann aber habe ich es von einem gemeinsamen Bekannten erfahren: Petro hat Fragen beantworten müssen. Fragen über mich.

          Der Mann, der die Fragen stellte, war vom Geheimdienst. Er nannte sich Igor Swjatij, es war April, zwei Monate nach dem Machtwechsel in der Ukraine. Mittlerweile ist es fast November, Präsident Janukowitschs Machtantritt liegt acht Monate zurück, und eines ist klar: Ich kann hier nicht mehr schreiben, wie früher.

          Das fängt mit Petro an. Petro heißt nicht Petro. Ich habe seinen Namen ändern müssen, denn er fühlt sich seit einiger Zeit nicht mehr sicher. Er hatte dem gemeinsamen Bekannten von dem Verhör über mich erzählt, und er hatte ihm versichert, er werde mich warnen, wie es sich ja gehört, wenn einer bespitzelt wird. Dann aber schwieg er, und als der Bekannte mich schließlich auf eigene Faust informierte, war ich es, der Petro ansprach. Wir telefonierten über fremde Nummern, wir tauschten verschlüsselte Mails, und er bestätigte alles: den Besuch des Geheimdienstes, die Fragen über mich, und dass er noch von einem weiteren Mann wisse, der ebenfalls über mich aussagen musste. Als ich aber fragte, ob ich die Sache öffentlich machen könne, zögerte er und bat dann, ihn aus dem Spiel zu lassen. Dabei ist Petro kein Mann ohne Mut. Nach dem Ende der Sowjetunion hat er es abgelehnt, unter dem autoritären Präsidenten Kutschma für den Geheimdienst zu spionieren. Jetzt aber wachsen Kinder heran. Er könnte zwar Zeugnis ablegen. Aber die Gezeiten haben gewechselt.

          Die Freiheit war kein Erfolg in der Ukraine. "Zusammen sind wir viele", hatten sie im Dezember 2004 noch gesungen. Die Bürger von Kiew fegten die Oligarchen weg, und jeder, der über den Chreschtschatik zog, sah hunderttausend, die mitzogen. Es ist vorbei. Die Idole von damals, Viktor Juschtschenko, der Märtyrer mit dem von Mördergift gezeichneten Gesicht, und Julija Timoschenko, die Pop-Ikone mit dem goldenen Haarkranz, haben in Eifersucht und Intrigen Ansehen und Macht verspielt. Das Ancien Régime restauriert sich, und wer damals auf dem "Majdan" sang, dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, erfährt heute jeden Tag nur: Getrennt sind wir alleine. So hat Petro um Anonymität gebeten. Der andere, den sie ebenfalls ausgefragt hatten, wolle sich ja auch nicht offenbaren, und ganz allein gegen das Regime, das gehe nicht. Auch dieser andere hat übrigens einmal Courage gehabt. Er hat am Majdan im Schnee gestanden, obwohl es jede Nacht hieß: jetzt kommen die Panzer. Als dann die Freiheit zur Komödie wurde, hat er beschlossen, sich nicht mehr für andere in die Feuerlinie zu stellen. Mehr kann ich über ihn nicht schreiben, man würde ihn erkennen.

          Im Posteingang eine Mail aus dem Isolator Nummer 1. "Habe Antwort von Makarenko", schreibt die Mittelsfrau, dann übermittelt sie die Botschaft des Gefangenen: "Haftbedingungen entsprechen typischen Verhältnissen im Gefängnis." Anatolij Makarenko, zu Zeiten der westlich orientierten Regierung Timoschenko Chef des Zolls, sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, der Geheimdienst SBU wirft ihm Amtsmissbrauch vor. "Korruptionsbekämpfung", sagt der Chef des SBU, der jugendlich lächelnde Valerij Choroschkowskij, über dessen kostspielige Autos - werktags Maybach, wochenends Bentley - die Presse berichtet.

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