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: Kohlrabiapostel müssen nicht knickrig sein

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Dieses Buch eignet sich nur bedingt als Geschenk für junge Paare. Denn Gabriele Wohmann unternimmt in ihren achtzehn neuen Erzählungen einiges, um den alten Verdacht zu bestätigen, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen.

          Dieses Buch eignet sich nur bedingt als Geschenk für junge Paare. Denn Gabriele Wohmann unternimmt in ihren achtzehn neuen Erzählungen einiges, um den alten Verdacht zu bestätigen, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen. In meisterlich kleinen Charakterstudien, die oft zu regelrechten Tragikomödien, manchmal aber auch zu wundervollen Grotesken werden, schildert die 1932 in Darmstadt geborene Autorin Szenen aus dem bieder-schrecklichen Mittelstandsglück, wie man sie sich pointierter kaum vorstellen kann.

          Ob es um die Eifersucht der Ehefrau auf ihre alleinstehende Freundin, um die Scham der Eltern angesichts ihrer erfolglosen Kinder oder einfach nur um die eheliche Vorherrschaft in Küche und Badezimmer geht, stets gelingt es Gabriele Wohmann, mit wenigen Worten Figuren zum Leben zu erwecken, denen man irgendwann schon einmal begegnet zu sein glaubt, hoffentlich aber - so mag es sich manche Leserin, mancher Leser wünschen - nicht gerade in der eigenen Familie. Denn sie alle, die stämmige alte Dame mit der stets etwas ungepflegten Dauerwelle, der ernährungsbewusste Ehemann, der den Salatkäufen seiner Frau misstraut, oder die hyperaktive Familienmutter, die mittags schon den Tisch für das Abendessen deckt, spiegeln die wenig attraktiven Seiten des bürgerlichen Wohlstandsalltags, als dessen Chronistin sich die Erzählerin seit langem ihren Namen gemacht hat.

          Diesmal haben es ihr besonders die vielen Rituale und Marotten rund ums Essen angetan. In fast jeder der Erzählungen wird der familiäre Esstisch zum Kampfplatz, an dem die Gefechte um die eheliche Vorherrschaft ausgetragen werden. Die Requisiten sind erlesen: Toast mit Ahornsirup oder Molkedrinks, Lauchsuppe und Quiche Lorraine, Serranoschinken, Panettone zum Frühstück und Mexican Mix am Abend (aus der Packung allerdings, also nicht ganz stilecht), und dazu eine schier unerschöpfliche Variation an Gebäckstücken: Vanillekringel, Blaubeermuffins, Rhabarber- und Himbeertörtchen, Apfel- und Zwetschgenkuchen oder die seltenen echten Puddingkreppel, nicht die mit der minderwertigen Creme-Füllung. Gabriele Wohmann weiß, was auf den Rezeptseiten der Frauenzeitschriften als aktuell und schick empfohlen wird, und sie weiß vor allem, wie lächerlich sich die Kalorien- und Nährstoffzähler machen können, denen die Wahl der vermeintlich richtigen Schinkensorte wichtiger ist als die Frage nach dem Wohlbefinden der Partnerin.

          Ihre Sympathien verteilt sie dabei gleichmäßig zwischen den Geschlechtern. Frauen wie Männer können sich abschreckend und furchterregend verhalten; beide können aber auch unser Mitgefühl erwecken, wie die alte Dame, der die Benutzung der Toilette im Drogeriemarkt verweigert wird, oder der schwerkranke Ehemann, dessen Frau ihn nur "meinen guten, alten Friedhelm" nennt, so, als sei die Rede von einem alten Haushund. Eindringlicher noch bleiben aber die verqueren Gestalten im Gedächtnis. Dazu gehört die eifrige Mutter Trix, die ihren spätgeborenen Sohn von klein auf zu einem Genussmenschen erziehen will und ihn mit verbissenem Eifer immer wieder eisiger Kälte aussetzt, damit er die Wärme umso mehr zu schätzen lernt. Das geht natürlich nicht lange gut, und nur das Eingreifen des etwas langsamen, aber pragmatischen Vaters setzt der fortwährenden Kindesmisshandlung ein Ende. Ganz anders verhält sich hingegen jener starrsinnige Ehemann, der seine Frau unbedingt, auch gegen die Meinung ihres Orthopäden davon überzeugen will, dass sie an einem Knickfuß leide. Am Ende räumt die gesunde Frau ein, sie könne ja immerhin an einem "Hebelfuß" leiden, einer Beschwerde, die sie soeben erfunden hat. Dieses falsche Geständnis gehört zu den vielen Manövern im ehelichen Stellungskrieg, von denen Wohmann mit detailgenauer Präzision berichtet. Wie ein heiteres Schelmenstück wirkt dagegen die Erzählung von dem emeritierten Professor, der sich jeden Sonntag beim Nachmittagskaffee das Geplapper jener stämmigen Frau mit dem "kleinen aufgepolsterten Pekinesengesicht" anhört, "auf dem sich alle Merkmale, die in ein Gesicht gehörten, wie aus Platzmangel zusammendrängten". Seine Geduld gegenüber der Gastgeberin mit der markanten Physiognomie zieht der betagte Junggeselle aus der tiefen Befriedigung, dass vor vielen Jahren die Ehe nicht zustande gekommen ist, die er einst mit der Pekinesen-Frau hatte eingehen wollen. Eheverweigerung als Glücksrezept also?

          Dass es auch anders geht, dass nicht jede Ehe zwangsläufig zum doppelten Martyrium werden muss, deuten zwei kleine Erzählungen am Ende des Bandes an. Ein Witwer, der sich dankbar an glückliche Rituale aus der Zeit seiner Ehe erinnert, bei denen nun kein exotisches Trendgemüse, sondern ein banaler Kohlrabi die zentrale Rolle spielt. Und ein altes Paar, das sich jeden Tag mit kleinen Aufmerksamkeiten zu erfreuen versucht: Sie bilden ein Gegengewicht zu den überdrehten Glückssuchern, die Familie als fortgesetztes Machtspiel erleben, bei dem mit unterschiedlichen Waffen, aber gleicher Vehemenz gefochten wird. Gabriele Wohmann demonstriert mit diesem Band aufs Neue, wie unbestechlich sie unseren Alltag beobachtet, vom Kohlrabiglück bis zur Knickfußkatastrophe.SABINE DOERING

          Gabriele Wohmann: "Wann kommt die Liebe". Erzählungen.

          Aufbau Verlag, Berlin 2010. 204 S., geb., 19,95 [Euro].

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