https://www.faz.net/-1vs-6kx5i

Klarer denken : Warum Sie die Vergangenheit vielleicht künftig mal ignorieren sollten Von Rolf Dobelli

  • Aktualisiert am

Der Film war miserabel. Nach einer Stunde flüsterte ich meiner Begleiterin ins Ohr: "Komm, gehen wir nach Hause." Sie antwortete: "Sicher nicht. Wir haben nicht vergeblich dreißig Euro für Kinokarten ausgegeben." "Das ist kein Argument", protestierte ich, "die dreißig Euro sind schon verloren.

          3 Min.

          Der Film war miserabel. Nach einer Stunde flüsterte ich meiner Begleiterin ins Ohr: "Komm, gehen wir nach Hause." Sie antwortete: "Sicher nicht. Wir haben nicht vergeblich dreißig Euro für Kinokarten ausgegeben." "Das ist kein Argument", protestierte ich, "die dreißig Euro sind schon verloren. Du bist der Sunk Cost Fallacy auf den Leim gekrochen." "Du mit deinen Denkfehlern", sagte sie spöttisch und betonte "Denkfehler", als hätte sie einen Schluck saure Milch getrunken.

          Am nächsten Tag: Marketing-Konferenz. Die Werbekampagne lief nun schon seit vier Monaten - weit unter dem budgetierten Erfolg. Ich war dafür, das Ding sofort zu stoppen. Der Werbeleiter widersetzte sich mit folgender Begründung: "Wir haben schon so viel Geld in die Kampagne investiert, wenn wir jetzt stoppen, war alles für die Katz." Auch er: ein Opfer der Sunk Cost Fallacy (auf Deutsch etwa der Irrtum der versunkenen Kosten).

          Ein Freund quälte sich jahrelang in einer problematischen Beziehung. Die Frau hatte ihn immer wieder betrogen. Jedes Mal, wenn er sie ertappt hatte, kam sie reumütig zurück und flehte um Vergebung. Obwohl es schon lange keinen Sinn mehr hatte, mit dieser Frau eine Beziehung zu unterhalten, ließ er sich immer wieder besänftigen. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er mir, warum: "Ich habe so viel emotionale Energie in diese Beziehung gesteckt, dass es falsch wäre, sie jetzt zu verlassen." Eine klassische Sunk Cost Fallacy.

          Jede Entscheidung, ob privat oder geschäftlich, geschieht stets unter Unsicherheit. Was wir uns ausmalen, mag eintreffen oder nicht. Zu jedem Zeitpunkt könnte man den eingeschlagenen Pfad verlassen, zum Beispiel ein Projekt abbrechen und mit den Konsequenzen leben. Diese Abwägung unter Unsicherheit ist rationales Verhalten. Die Sunk Cost Fallacy schnappt dann zu, wenn wir schon besonders viel Zeit, Geld, Energie, Liebe undsoweiter investiert haben. Das investierte Geld wird dann zur Begründung, weiterzumachen, selbst wenn es objektiv betrachtet keinen Sinn mehr hat. Je mehr investiert wurde, also je größer die Sunk Costs sind, desto stärker ist der Drang, das Projekt fortzuführen.

          Börsenanleger werden oft zum Opfer dieses Irrtums. Oft orientieren sie sich bei Verkaufsentscheidungen am Einstandspreis. Liegt der Kurs einer Aktie über dem Einstandspreis, wird verkauft. Liegt der Kurs darunter, wird nicht verkauft. Das ist irrational. Der Einstandspreis darf überhaupt keine Rolle spielen. Was zählt, ist einzig die Aussicht auf die künftige Kursentwicklung. Irren kann sich jeder, besonders an der Börse. Der traurige Witz der Sunk Cost Fallacy ist der: Je mehr Geld Sie mit einer Aktie bereits verloren haben, desto stärker halten Sie an ihr fest.

          Warum dieses irrationale Verhalten? Menschen streben danach, konsistent zu erscheinen. Mit Konsistenz signalisieren wir Glaubwürdigkeit. Widersprüche sind uns ein Greuel. Entscheiden wir, ein Projekt in der Mitte abzubrechen, generieren wir einen Widerspruch: Wir geben zu, früher anders gedacht zu haben als heute. Ein sinnloses Projekt weiterzuführen zögert diese schmerzliche Realisierung hinaus. Wir erscheinen dann länger konsistent.

          Die Concorde war das Paradebeispiel eines staatlichen Defizitprojektes. Selbst als die beiden Partner England und Frankreich schon lange eingesehen hatten, dass sich der Betrieb des Überschallflugzeuges nie rechnen würde, haben sie weiterhin Unsummen investiert - bloß um das nationale Gesicht zu wahren. Aufgeben wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Die Sunk Cost Fallacy wird darum oft auch als Concorde-Effekt bezeichnet. Sie führt nicht nur zu kostspieligen, sondern geradezu verheerenden Entscheidungsfehlern. Der Vietnam-Krieg wurde genau mit dieser Begründung verlängert: "Wir haben das Leben so vieler Soldaten für diesen Krieg geopfert, es wäre ein Fehler, jetzt aufzugeben."

          "Jetzt sind wir schon so weit gefahren . . ." "Ich habe schon so viele Seiten in diesem Buch gelesen . . ." "Nun habe ich schon zwei Jahre in diese Ausbildung gesteckt . . ." Anhand solcher Sätze erkennen Sie, dass die Sunk Cost Fallacy in einer Ecke Ihres Gehirns bereits die Zähne fletscht.

          Es gibt viele gute Gründe, weiter zu investieren, um etwas zum Abschluss zu bringen. Aber es gibt einen schlechten Grund: das bereits Investierte zu berücksichtigen. Rational entscheiden bedeutet, dass Sie die aufgelaufenen Kosten ignorieren. Egal, was Sie bereits investiert haben, es zählten einzig das Jetzt und Ihre Einschätzung der Zukunft.

          Der Schriftsteller Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, ist Gründer und Kurator des Forums "Zurich .Minds". Soeben ist sein neuer Roman "Massimo Marini" im Diogenes Verlag erschienen.

          Topmeldungen