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Rüdiger Vogler wird 70 : Auf den Spuren der Kindheit

Unterwegs durch Deutschland: Rüdiger Vogler mit Hanna Schygulla in „Falsche Bewegung“ (1975) Bild: picture-alliance / KPA Copyright

Peter Handke hat ihn für das Theater, Wim Wenders hat ihn für das Kino entdeckt. Aber in den letzten zwanzig Jahren war er vor allem im Fernsehen zu sehen. Annäherung an einen Lieblingsschauspieler.

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          Dass wir älter werden, merken wir unter anderem daran, dass unsere Lieblingsschauspieler altern. In ihrem Bild, das sich verändert, erkennen wir unser eigenes, an dem die Zeit ihr Werk verrichtet; die Kränkung, die im Verlust der Jugend steckt, lässt sich so leichter ertragen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So weit, so gut. Aber dass Rüdiger Vogler siebzig wird, kann nun wirklich nicht wahr sein. Hat er nicht gerade noch für Wim Wenders in „Im Lauf der Zeit“ den Filmvorführer Bruno Winter gespielt, der mit seinem Lastwagen über die Dörfer fährt und dem Kinosterben bei der Arbeit zusieht?

          Oder „Falsche Bewegung“, wo er als Wilhelm Meister aus Glückstadt so etwas wie die blaue Blume der siebziger Jahre sucht, mit der rehäugigen Nastassja Kinski im Schlepptau - ist das wahrhaftig schon so lange her? Und schließlich der schönste aller Wenders-Vogler-Filme, „Alice in den Städten“, dieses große deutsche Kamera-Gedicht über Fernweh, Heimweh und Heimatlosigkeit: Kann es sein, dass seitdem beinahe vierzig Jahre vergangen sind?

          Jungenhaft, weich und verschmitzt

          Man darf bei Vogler so fragen, denn seine Wirkung als Schauspieler beruht nicht zuletzt darauf, dass er auch als reifer Akteur nie restlos erwachsen wirkt. Ob er den Schriftsteller Stefan Zweig spielt (in einem misslungenen brasilianischen Film von 2002) oder den Vater von Franka Potente (in Stefan Ruzowitzkys Vampirthriller „Anatomie“), den Apotheker Gieshübler in der Neuverfilmung von „Effi Briest“ oder verschiedene Verdächtige in „Soko 5113“, „Bella Block“ und im „Tatort“ - immer ist etwas Jungenhaftes, Weiches und Verschmitztes in seinem Spiel, das durch die leichte schwäbische Klangfarbe seiner Stimme noch betont wird.

          Familienbande: Mit Barbara Sukowa und Jutta Lampe in „Die bleierne Zeit“ (1981) Bilderstrecke

          Und obwohl er nicht wenige Groß- und Kleinindustrielle verkörpert hat (schon 1986 in Sinkels „Väter und Söhne“ lief er mit Uhrenkette und Stehkragen herum), möchte man ihn doch am liebsten mal wieder on the road sehen, unterwegs von hier nach dort, auf der Suche nach jener Kindheit, die er bei Wenders in Gestalt alter Comic-Hefte unter einer Treppenstufe seines Elternhauses auf einer Rheininsel ausgrub, in einer der schönsten Szenen, die das deutsche Kino je zuwege gebracht hat.

          „Publikumsbeschimpfung“, unvergessen

          Seine beruflichen Anfänge reichen in jene mythischen Zeiten zurück, als Claus Peymann in Frankfurt Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ inszenierte. Bei der skandalumtosten Uraufführung im unvergessenen „Theater am Turm“ war Vogler dabei, und später hat er in der „Linkshändigen Frau“ für Handke auch vor der Kamera gestanden.

          „Für einen Schauspieler sind Sie zu wenig unverschämt“, sagt dort jemand zu ihm. Mag sein. Dafür hat Rüdiger Vogler dem Kino wie dem Fernsehen etwas gegeben, was beide bitter nötig haben: Sanftheit, Poesie, Selbstironie; Leichtigkeit und Understatement. Heute wird er, kaum zu glauben, siebzig Jahre alt.

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