https://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/feuilleton/kein-theater-fuer-die-siedler-11042960.html

: Kein Theater für die Siedler

  • Aktualisiert am

In Israel wird seit einigen Tagen über geplante Gastspiele etablierter Theaterensembles in der Siedlerstadt Ariel heftig gestritten. In der südlich von Nablus gelegenen Kommune wird in einigen Monaten ein Kulturhaus eingeweiht, dessen Veranstaltungsprogramm man gerade zusammenstellt.

          2 Min.

          In Israel wird seit einigen Tagen über geplante Gastspiele etablierter Theaterensembles in der Siedlerstadt Ariel heftig gestritten. In der südlich von Nablus gelegenen Kommune wird in einigen Monaten ein Kulturhaus eingeweiht, dessen Veranstaltungsprogramm man gerade zusammenstellt. Den Siedlern ist es gelungen, auch Gastauftritte von zwei der wichtigsten Theater zu buchen - des Nationaltheaters Habimah und des Cameri-Theaters, beide in Tel Aviv zu Hause.

          Viele Mitglieder der Ensembles reagierten auf die Entscheidung, die hinter ihrem Rücken getroffen wurde, mit Entsetzen. Denn der Fall ist ohne Vorbild: Noch nie haben die angesehenen Theaterhäuser des Landes Gastspiele in den besetzten Gebieten gegeben. Gegen das Vorhaben wandten sich jetzt fast sechzig Bühnenschauspieler, Regisseure und Dramaturgen in einem offenen Protestbrief, den sie an die Direktorien des Habimah- und des Cameri-Theaters richteten.

          Zu den Signataren gehören große Namen der Theaterwelt - die Dramatiker Edna Mazya und Joshua Sobol ("Ghetto"), dazu eine Reihe prominenter Schauspieler: Weder in Ariel noch in irgendeiner anderen Siedlung würden sie spielen wollen; sie seien nicht gewillt, das Siedlungswerk, das gegen den Frieden gerichtet sei, mit ihrer künstlerischen Arbeit zu unterstützen.

          Die Leiter der Häuser, die in der Petition aufgerufen werden, keine Verträge über Gastspiele außerhalb der Grenzen von 1967 abzuschließen, sind jedoch anderer Meinung. Beim Habimah besteht man darauf, als Nationaltheater das Ensemble überall dort gastieren zu lassen, wo Israelis leben. Und beim Cameri-Theater ist in der jetzigen Krise offenbar die Erweiterung des Wirkungskreises oberste Priorität. Mit dem Protest hat sich auch die politische Führung befasst. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betonte, man werde ein solches Verhalten, zumal Staatsgelder dafür ausgegeben würden, nicht dulden.

          Schauspieler dürften Politik und Kunst nicht vermischen, warnte die Kulturministerin Limor Livnat, während einige ihrer Parteifreunde ankündigten, demnächst per Gesetz Künstler zu Auftritten in den besetzten Gebieten zu zwingen. Dass die rechtsorientierte Presse die Protestierenden als "linksradikale Volksverräter" beschimpfte, hat die Aufregung nur gesteigert.

          Nun haben sich nicht nur rund hundertfünfzig Universitätsdozenten und die israelische Friedensbewegung "Peace Now" dem Protest angeschlossen, sondern auch eine Reihe prominenter israelischer Schriftsteller und Künstler, darunter Amos Oz, Abraham B. Jehoschua und David Grossman. Gegenüber "Haaretz" verteidigte Jehoschua das Recht der Schauspieler auf politische Meinungsäußerung, die umso bedeutsamer sei, als es sich bei Ariel um einen "problematischen Ort im Hinblick auf den Frieden" handele. Er selbst würde dort auch keine Lesung halten. Härtere Worte fand die junge Schriftstellerin Klil Zisapel. Ein Auftritt in Ariel, einer Stadt, die es nicht hätte geben dürfen und wohin "Apartheid-Straßen" führten, würde die israelische Besetzung palästinensischen Bodens nur weiter zementieren. JOSEPH CROITORU

          Topmeldungen

          FC Liverpool verliert Finale : „Was soll der Mist?“

          Vier Titel waren möglich, zwei gewinnt Liverpool. Die anderen verpasst das Team von Jürgen Klopp knapp. Der Trainer will sich die Party aber nicht nehmen lassen – auch wenn das nicht alle verstehen.
          Kinder halten bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai in Moskau Fotos von Familienmitgliedern in den Händen, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden.

          Überfall auf die Ukraine : Die russische Schuld

          Ein Vernichtungskrieg wie der russische Überfall auf die Ukraine ist aus einem Wahn gewachsen. Und ob ich es will oder nicht – ich steckte mittendrin. Ein Gastbeitrag.