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: Kein Land ohne Innenleben

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Hans-Ulrich Wehlers provokanter These von der DDR als "Fußnote der Weltgeschichte" will ich gar nicht widersprechen. Die DDR war kein politischer Entwurf aus eigener Kraft, sondern genau das, als das Wehler sie beschreibt: eine Satrapie ...

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          Hans-Ulrich Wehlers provokanter These von der DDR als "Fußnote der Weltgeschichte" will ich gar nicht widersprechen. Die DDR war kein politischer Entwurf aus eigener Kraft, sondern genau das, als das Wehler sie beschreibt: eine Satrapie der Sowjetunion, nie legitimiert durch das eigene Volk, so wenig wie durch eigene Erfolge. Ein imaginierter Blick aus einer ferneren Zukunft lässt die vierzig Jahre DDR vermutlich oder sicher auf diese Formulierung zusammenschrumpfen.

          Aber Wehler schreibt als Zeitgenosse und, sofern es die DDR betrifft, als wenig interessierter Zeitgenosse, was seine Beschreibung dieser Zeit eben auch so wenig interessant macht. Wehlers Darstellung ist nicht mehr als ein Skelett aus Statistik und den bekannten historischen Tatsachen (kleine Fehler finden sich, etwa beim Zitat von Ulbrichts Parole "Überholen ohne einzuholen"; bei Wehler sehr viel unkomischer: "Einholen und überholen"), die aber von 1945 an ein so eindeutig brutales, auf das schmähliche Ende schon zulaufendes Bild ergeben, dass man nur schwer verstehen kann, warum damals auch intelligente, integre, mutige Menschen auf diesen Staat ihre Hoffnung gebaut haben. Wes Geistes die Kommunisten auch immer waren, was immer auch später aus ihnen wurde oder als was sie sich entpuppten, sie waren keine Nazis. Sie kamen aus der Emigration, nicht nur aus der sowjetischen, sie kamen aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen. Das war ihre entscheidende Legitimation, die auch der nachfolgenden Generation, sofern sie nicht schon durch Herkunft antikommunistisch aufgewachsen war, den Bruch lange erschwerte, zumal in den Nachkriegsjahren nicht alle Gegner der Kommunisten überzeugte Demokraten, sondern mitunter noch überzeugte Nazis waren.

          Dass der kommunistische Widerstand später mythologisch verklärt und jeder andere Widerstand marginalisiert wurde, ist zwar wahr, findet aber seine Entsprechung in der bundesdeutschen Marginalisierung des kommunistischen Widerstands, gemessen an der symbolhaften Aufwertung des Attentats vom 20. Juli 1944.

          Die Frage, warum Menschen, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft bereit waren, ihr Leben zu riskieren, dann selbst ein Regime errichteten, das dem ihrer Feinde und Verfolger in vielem glich, wenn auch in nicht vergleichbarem Ausmaß und mit anderem proklamierten Ziel, treibt viele von denen, die dort aufgewachsen sind, bis heute um. Ich könnte meine eigene Biographie gar nicht verstehen, ohne ihr die emotionale Zerrissenheit zwischen der Hochachtung vor der Lebensleistung der deutschen Antifaschisten bis 1945 und dem Abscheu vor ihrem politischen Tun als Machthaber zugrunde zu legen.

          Und warum konnte trotz der offensichtlichen Realität in der Sowjetunion und den Ländern, die ihr als Kriegsbeute zugestanden worden waren, die kommunistische Utopie so lange als ihr Legitmationsethos fortleben, und das nicht nur in der DDR und den kommunistisch regierten Ländern, sondern in Frankreich, Italien und auch in linken intellektuellen Kreisen der Bundesrepublik? Es lag nicht zuletzt an den intellektuellen Autoritäten aus dem Westen und den Hoffnungen, die sich für eine Zeit mit den italienischen und französischen Eurokommunisten verbanden, dass das Wissen um die politischen Zustände und das Entsetzen darüber zwar zur Ablehnung der realen sozialistischen Herrschaft führten, aber doch lange nicht zum endgültigen Bruch mit der Utopie von einer kommunistischen Gesellschaft.

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