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: Kakerlakenrennen um die Welt

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Der redselige Frührentner hat im Supermarkt der Religionen alles probiert: Hinduismus, Katholizismus, Konfuzianismus, Adorno und Alkohol. Als Teilzeitmohammedaner war ihm die Scharia zu streng, als buddhistischer Mönch ging ihm auf, dass Jesus ihm doch wohl nähersteht als das Nichts.

          Der redselige Frührentner hat im Supermarkt der Religionen alles probiert: Hinduismus, Katholizismus, Konfuzianismus, Adorno und Alkohol. Als Teilzeitmohammedaner war ihm die Scharia zu streng, als buddhistischer Mönch ging ihm auf, dass Jesus ihm doch wohl nähersteht als das Nichts. Zuletzt wollte Wolfgang Jude werden, mit Kippa, Beschneidung und "allem Drum und Dran", aber der Rabbi wies dem wirren Gottsucher die Synagogentür. Ben geht mit seinem Helfersyndrom seiner WG und seiner Freundin auf die Nerven: Der politisch sensible Student will unbedingt etwas tun, weiß aber nicht, wofür und wogegen, und so vernachlässigt er vor lauter globalem Problembewusstsein Abwasch und Beziehungsarbeit zu Hause.

          Tina sucht Erlösung von Ehefrust und Depressionen im Esoterik-Kurs "Blockaden lösen durch kreatives Malen auf Stoff". Die smarte Karrierefrau Marianne erinnert sich zwischen Trüffeln und einem Termin mit ihrem Callboy, wie kalt und ungeduldig sie dem Sterben ihres Vaters zusah. Dr. Kremm, perfekt als Chef, Vater, Mann und Menschenfreund, predigt auf Benefizgalas das Credo des moralisch sensiblen Kapitalismus.

          Am Ende wird die Bombe eines Selbstmordattentäters einige der fünf Menschen, deren Schicksale Jan Neumann in Short-Cuts-Manier miteinander verknüpft, zerfetzen und die anderen traumatisiert und überfordert auf die medialen Schatten der Katastrophe starren lassen. Das Publikum sitzt derweil auf einer mit orientalischen Teppichen und Kissen gepolsterten Drehbühne und erlebt auf dem Karussell der Werte und Religionen hautnah mit, wie der Drehschwindel die ohnehin brüchigen Fundamente der Konsum- und Therapiegesellschaft erschüttert.

          Der Autor, Schauspieler und Regisseur Neumann ist der Mann fürs gemeinsame Nachdenken im deutschen Theater. Aus Workshops und Diskussionen mit den Schauspielern entwickelt er Bausteine und Module, die er zu Themenprojekten zusammenbaut. Das Improvisieren ist seine Stärke und Schwäche zugleich.

          Seine Auftragsarbeit mit dem Arbeitstitel "Glauben und Kontrolle" wirkt streckenweise wie Blockadenlösung durch kreative Stoffmalerei im kritischen Jugendtheater. Aber Neumann versteht es auch, ungefähre Befindlichkeiten in knappen, komischen Szenen und grotesken Bildern zuzuspitzen und Klischees munter gegen den Strich zu bürsten: Lisa Wildmanns Tina etwa arbeitet aus der Esoterik-Satire die anrührende Tragödie einer einsamen, ungeliebten Hausfrau heraus, und Sebastian Röhrle kratzt genüsslich an den Fassaden gutmenschlicher Tausendsassas.

          Die Figuren sind überladen und überlastet mit Problemen, und die Fokussierung der Episoden auf die finale Explosion hin ist ein wenig gewollt und beliebig: Tatsächlich ist der fünffache Schiffbruch mit Zuschauern eher eine Strandgutsammlung mit Erzähler; die Minidramen und Monologe werden durch lange erzählerisch-besinnliche, fast lyrische Passagen von einer durch den Hauptbahnhof flatternden Taube nur oberflächlich verknüpft. Glauben als Fundament und utopisches Dachstübchen der Anything-goes-Gesellschaft: Wer's glaubt, wird nicht selig, aber gut unterhalten. Hartleibigen Agnostikern kommt das gesammelte Elend der Konsum- und Therapiegesellschaft allerdings ziemlich bekannt vor.

          Das kann man von Michail Bulgakows Theaterstück "Die Flucht" nicht gerade behaupten. Die Überlebenskämpfe eines versprengten Trupps russischer Emigranten auf der Flucht vor Bürgerkrieg und Kommunismus sind nur noch eine historische Reminiszenz aus fernen Tagen, als Glaube und Kontrolle noch ideologische Folterinstrumente und Theaterstücke epische Schicksalsopern waren. Für Stalin waren die acht "Träume" Bulgakows ein konterrevolutionärer "Versuch, für gewisse Schichten der antisowjetischen Emigranten Mitleid, wenn nicht gar Sympathie zu erwecken": Schmarotzer bleiben Schmarotzer, auch wenn sie subjektiv so ehrenhaft und sentimental waren wie Bulgakows Alter Ego, der enttäuschte Idealist Golubkow.

          Sebastian Baumgarten, in der DDR sozialisiert, interessiert sich bei seinen postdramatischen Inszenierungen gewöhnlich mehr für die neuere Trashkultur als für die alten Kamellen der roten Großväter; aber zum Meister der subversiven Phantasie kehrt er immer wieder gern zurück: "Die Flucht" ist bereits seine dritte Bulgakow-Inszenierung. Mitleid mit den konterrevolutionären Flüchtlingen (oder gar dem bürgerlichen Publikum) darf man von seiner Bolschewismus-Pop-Oper freilich nicht erwarten.

          Sebastian Kowskis General Chludow ist ein durchgeknallter "Apocalypse

          now!"-Psychopath, der sich in Konstantinopel immerhin zum Märtyrer läutert; sein Kollege Tscharnota bei Till Wonka ein smarter Schlächter, der sich mit Hilfe verwackelter "Wer wird Millionär?"-Sendungen aus der alten Heimat zum Skalp- und Waffenhändler, Zocker bei Kakerlakenrennen und Gangster in Nylon-Sporthosen entwickelt. Selbst die beiden ehrenwerten Subjekte sind nur nomadisch umherschweifendes Ungeziefer: Florian Manteuffels Golubkow ist ein nervöser Hysteriker im mondänen Skipulli, seine Geliebte Serafima bei Silja Bächle eine kalte Zicke, die sich lustlos prostituiert.

          So kommen die Flüchtlinge vom Regen in die Traufe: aus einer düsteren, brutalen Agitprop-Hölle, bevölkert mit verrückten Mönchen, französischen Filous, Folterdominas, Eisensteins Stummfilmen und Trotzkis Panzerzügen, ins trübe Licht einer noch schlimmeren Freiheit. Dass die Exilanten sich aus ihrem türkischen Kakerlaken-Container heim zu Väterchen Stalin sehnen, kann man noch verstehen. Nicht aber, warum Baumgarten Bulgakows zu Recht vergessenes Stück ausgegraben und so übel mit Blut, Plastikmüll und Pelzmützen-Klamauk zugerichtet hat. MARTIN HALTER

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