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: Kafka und Richterin K.

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Der Tel Aviver Prozess um die Nachlässe von Max Brod und Franz Kafka (F.A.Z. vom 14. September) ist in eine neue Phase eingetreten. Im vergangenen Jahr hatte der Journalist Ofer Aderet den Skandal um Brod und seine Sekretärin Esther ...

          JERUSALEM, 6. Oktober

          Der Tel Aviver Prozess um die Nachlässe von Max Brod und Franz Kafka (F.A.Z. vom 14. September) ist in eine neue Phase eingetreten. Im vergangenen Jahr hatte der Journalist Ofer Aderet den Skandal um Brod und seine Sekretärin Esther Hoffe aufgedeckt, der er nach seinem Tod 1968 die Nachlässe vererbt hatte. Hoffe starb 2007 im Alter von einhundertundein Jahren; das Testament, in dem sie ihre beiden Töchter bedachte, wurde bislang unter Verschluss gehalten.

          Immer wieder haben die Missstände um Kafkas Nachlass internationales Aufsehen erregt. Hoffe hatte große Teile des Konvoluts, insbesondere die Handschrift des Romans "Der Prozeß", illegal außer Landes gebracht und für Millionenbeträge verkauft, doch niemand wusste, was sich noch in ihrem Besitz befand. Aderet konnte jetzt im Namen der Tageszeitung "Haaretz" erwirken, dass das Gericht ihr Testament zur Veröffentlichung freigab.

          "Die Entwürfe, Briefe und Zeichnungen Kafkas, die mir der verstorbene Max Brod zum Geschenk gemacht hat", heißt es dort, "schenkte ich im Jahr 1970 meinen beiden Töchtern zu gleichen Teilen." Eine alte Frau gibt hier also vor, bereits vor fast vier Jahrzehnten ihre testamentarischen Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch vollzogen zu haben. Der neuerliche Prozess um Kafkas Nachlass erhält damit seine eigene, ihm durchaus angemessene Abgründigkeit. Was hier eröffnet wird, ist kein Testament, sondern eine alte Geschichte, die wahr sein mag oder auch nicht.

          Über die Besitzverhältnisse hat jetzt das Tel Aviver Familiengericht zu befinden. Hoffes Testament wird von verschiedenen Seiten angefochten: Die Jerusalemer Nationalbibliothek beruft sich auf das israelische Gesetz zum Schutz von Kulturgütern sowie auf Brods eigenen, zu Lebzeiten mehrfach geäußerten Wunsch, die Handschriften einem israelischen Archiv zu übergeben. Ebenfalls aufgrund einstiger Absprachen mit Brod meldet auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Ansprüche an. Und schließlich erheben die Töchter, Chava Hoffe und Ruth Wiesler, gegen diese Anfechtungen Einspruch am Obersten Gerichtshof.

          Mehreren öffentlich bestellten Nachlassverwaltern ist es bisher nicht gelungen, Einblick in die von Hoffes Töchtern in Banktresoren aufbewahrten Nachlassbestände zu erhalten. Einer von ihnen hat sein Amt bereits niedergelegt, sein Nachfolger will es ihm nun gleichtun. Sie sind die letzten Vertreter in einer langen, bereits historischen Reihe von gescheiterten Vorgängern. Schon Brod selbst hatte seiner Sekretärin und Erbin einige Namen aus seinem Bekanntenkreis ans Herz gelegt, die sie in literarischen Fragen des Nachlasses beraten sollten. Esther Hoffe aber hat niemand von ihnen an die Dokumente herangelassen.

          Auch der gegenwärtige Rechtsanwalt der Erbinnen, Jeschajahu Etgar, war ursprünglich einer der Nachlassverwalter. Jetzt vertritt er die Interessen seiner Mandantinnen, gibt die Schlüssel zu den Tresoren nicht heraus, und die fast achtzigjährige Chava Hoffe droht mit Selbstmord, falls sie auf ihr Erbe verzichten muss. Die tragikomischen Szenen seines Nachlebens könnten von Kafka selbst erdacht sein, ihr bitterschwarzer Humor hätte ihm gefallen.

          Die juristischen Aspekte des Streites können nur vor Gericht entschieden werden. Indes wirft der Prozess Fragen auf, die die Öffentlichkeit angehen. Als Brod gegen den Wunsch seines Freundes beschloss, Kafkas unveröffentlichte Werke nicht zu verbrennen, rettete er sie für eine dankbare Nachwelt - aber sind sie damit auch zu seinem Eigentum geworden, hatte er überhaupt das Recht, sie einer dritten Person zu hinterlassen? Und wenn sich deutsche und israelische Archive um den Nachlass des bedeutendsten Autors der deutsch-jüdischen Literatur streiten - sind es dann nur rechtliche oder untergründig auch moralische Fragen, die hier zur Debatte stehen?

          Die Richterin, die die Verhandlungen leitet, heißt Talia Koppelmann. Sie hat ihren eigenen, nicht humorlosen Blick auf die Dinge. "Es ist symbolisch", ließ sie verlauten, "dass diese Akte in den Händen der Richterin K. liegt." JAKOB HESSING

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