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Im Fernsehen: „Die Guantánamo-Falle“ : Sie haben alle lebenslänglich

Fünf Jahre lang saß er im berüchtigten Lager Guantánamo: Murat Kurnaz Bild: NDR

Wer mit dem Gefangenenlager Guantánamo in Berührung kam, ist für immer gezeichnet: Der Filmemacher Thomas Selim Wallner zeigt in einer NDR-Dokumentation das Schicksal von Menschen diesseits und jenseits der Mauern.

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          Warum Murat Kurnaz in den Norden Pakistans ging, wo ihn die Armee in der Nähe der Talibanhochburg Peshawar aufgriff und dann den Amerikaner übergab, weiß nur er. Um seine Kenntnisse über den Islam zu vertiefen, sagt er, was nicht sehr überzeugend klingt. Um Al Qaida zu unterstützen, warfen ihm die Amerikaner vor, was aber nicht zu beweisen war. Trotzdem saß er fünf Jahre lang im Gefangenenlager Guantánamo, bis ihn die Bundeskanzlerin auslöste. Die Türkei, deren Staatsangehörigkeit Kurnaz besitzt, hatte sich für den Fall des vermeintlichen „Taliban aus Bremen“ nie interessiert. Ob er nicht zu Zeiten der rot-grünen Bundesregierung schon hätte freikommen müssen, ist eine Frage, die dem damaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier immer wieder gestellt, aber nie erschöpfend beantwortet wurde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Murat Kurnaz saß in der „Guantánamo-Falle“. So heißt der Film von Thomas Selim Wallner, den der NDR am Samstag zeigt. Doch in dieser Falle saß nicht nur Kurnaz wie die anderen Inhaftierten, in der Falle saßen und sitzen auch andere. Diane Beaver zum Beispiel, die als Rechtsberaterin der amerikanischen Armee ein Memorandum verfasste, das auflistet, mit welchen aggressiven Verhörmethoden man den Terrorverdächtigen zu Leibe rücken dürfe. Achtzehn von zweiundzwanzig Punkten genehmigte der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, man würde sie gemeinhin als Folter bezeichnen. Doch identifizieren lassen wollte sich damit niemand - außer Diane Beaver, deren Namen man schwarz auf weiß hatte und die deswegen vor einen Untersuchungsausschuss musste. Hinter ihr versteckten sich sämtliche Vorgesetzte, die verantwortlichen Politiker sowieso. Ihren Patriotismus hat Diane Beaver darüber nicht verloren, doch sie weiß: „Ich habe die Schläge für die Regierung eingesteckt.“ Sie nahm ihren Abschied und versucht sich nun mit einer Hundepension.

          Murat Kurnaz ist sein Zeuge

          Für Lieutenant Commander Matt Diaz ist Guantánamo zur Falle geworden, weil er seinem Gewissen folgte. Er war Rechtsoffizier und schmuggelte eine Namensliste der Häftlinge aus dem Lager. Die Menschenrechtsaktivistin, der er die Namen schickte, hielt das für einen schlechten Witz - Diaz hatte die Liste mit einer kitschigen Postkarte zum Valentinstag getarnt. Die Adressatin gab die Liste an die Behörden, Diaz wurde angeklagt, zu sechs Monaten Haft verurteilt, unehrenhaft aus der Armee entlassen. Seine Anwaltslizenz ist er los, seine Ehe ging in die Brüche, er verlor Haus und Hof und ist ruiniert. Nur seine jungerwachsene Tochter gibt seinem Leben noch einen Sinn.

          Seelische Verwunden, die man nie mehr abwaschen kann: Häftling Murat Kurnaz, dessen Schicksal die Türkei, deren Staatsbürgerschaft er besitzt, nie interessierte

          Der Anwalt Gonzalo Boye saß auch einmal in der Falle, inhaftiert in einem spanischen Gefängnis, wo er gefoltert wurde. Heute will er als Anwalt all jene zur Anklage bringen, die für die Verhältnisse in Guantánamo verantwortlich waren. Murat Kurnaz ist sein Zeuge, Diane Beaver ein Ziel seiner Anklage, die allerdings, wie wir im Abspann erfahren, auf Druck der amerikanischen Regierung (unter Obama) hin auf Eis gelegt wurde.

          Thomas Selim Wallner verfolgt und kombiniert die Lebensläufe seiner Protagonisten, filmt sie in ähnlichen Alltagssituationen und erreicht es, dass sie ihr Innerstes nach außen kehren, was vor allem im Fall Diane Beavers eine Leistung gewesen sein dürfte. Ohne eigenen Kommentar macht Wallner deutlich, dass nicht nur das Leben von Murat Kurnaz durch Guantanamo und durch die als „aggressives Verhör“ benannten Methoden auf immer belastet ist. Vier einsame Menschen zeigt uns dieser Film, deren Mitwelt nie wird richtig verstehen können, was ihnen geschah.

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