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Hochfrequenzbörse : Die Maschinen beginnen zu handeln

An der Wall Street haben die Computer die Menschen abgelöst. Sie handeln miteinander im Millisekundentakt um Millionengewinne - bis sie plötzlich abstürzen.

          Der Börsengang von Facebook sollte an der Wall Street die größte Party des Jahres werden. Kein anderer Börsengang war in den vergangenen Jahren so aufgeregt erwartet worden. Robert Greifeld, der Chef der elektronischen Börse Nasdaq, ließ es sich nicht nehmen, Mitte Mai nach Kalifornien zu fliegen, um in der Zentrale von Facebook vor einer eigens aufgebauten Börsenkulisse den Handel gemeinsam mit dem erst 26 Jahre alten Gründer Mark Zuckerberg zu eröffnen - ganz im lockeren Facebook-Stil im grauen T-Shirt und nicht im grauen Anzug. Doch das Prestigeprojekt ging schief.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Erst verzögerte sich die geplante Eröffnung des Handels wegen technischer Schwierigkeiten um eine halbe Stunde. Dann bekamen Händler und Anleger stundenlang keine Bestätigung ihrer Aufträge. Investoren zogen sich angesichts der wachsenden Verwirrung zurück. Der Aktienkurs vor Facebook bewegte sich am ersten Handelstag - ganz anders als angesichts der erwarteten Nachfrage erhofft - kaum von der Stelle und sackte in den Tagen danach kräftig ab. Börsenchef Greifeld räumte später Pannen im Handelssystem ein und sagte, es sei nicht seine „beste Stunde“ gewesen.

          Siebzehn Sekunden Ewigkeit

          Für Eric Hunsader, den Gründer von Nanex, einer in einem Vorort von Chicago ansässigen und auf die Auswertung von Börsenhandelsdaten spezialisierten Informationsdienstes, lag der Fehler allerdings nicht allein bei der Nasdaq. Er macht für das Debakel superschnelle Computerhändler verantwortlich, die seit einigen Jahren den Börsenhandel in den Vereinigten Staaten dominieren. „Das haben absolut die Hochfrequenzhändler ausgelöst“, sagt er. Die Computer hätten die Systeme der Nasdaq mit Aufträgen zum Kauf, Verkauf und der Stornierung von Aktien schlichtweg überwältigt. Es folgte ein siebzehn Sekunden langer Ausfall des gesamten Aktienhandels an der Nasdaq, was die Panik nur noch verstärkt habe. Siebzehn Sekunden - in der Welt der elektronischen Börsen, in der Aktien in Millisekunden gekauft und wieder verkauft werden, eine halbe Ewigkeit.

          HAL9000 ist es, der das Raumschiff steuert und die Mission überwacht.

          In der Wall Street, wo sich die Touristen gern vor dem imposanten Gebäude mit der amerikanischen Flagge fotografieren, mag es immer noch ein Börsenparkett geben. Aber auf ihm geht nur ein Rest von Maklern mit kleinen Computern in der Hand ihrem Geschäft nach. Der Saal, in dem sich noch Ende der neunziger Jahre Tausende Börsianer drängten, ist mittlerweile vor allem eine Kulisse für Fernsehreporter. Abends vermietet die Nyse den Handelssaal schon für Cocktailempfänge. Der wesentlich wichtigere Ort liegt eine gute Autostunde vom Gewusel der Wall Street entfernt in einem ehemaligen Steinbruch der 25 000-Einwohner-Stadt Mahwah im Bundesstaat New Jersey. Dort hat die Nyse vor drei Jahren auf einer Fläche von mehreren Fußballfeldern ein gigantisches Computerzentrum gebaut, wo Kauf- und Verkaufsaufträge elektronisch zusammengeführt werden. Auf Computerhandel spezialisierte Wertpapierhäuser haben ihre Großrechner dort gegen eine Gebühr gleich neben den Nyse-Computern aufgestellt, um möglichst wenig Zeit bei der Übertragung von Daten zu verlieren. Andere Börsen verfügen über ähnlich massive Datenzentren außerhalb von Chicago, London oder Hongkong.

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