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: Hier fotografiert der aufgestachelte Normalbürger

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Ein Künstler geht ins Archiv. Dort findet er seltsame Bilder. Da sieht man einen Briefkasten, in den eine alte Frau etwas hineinwirft. Zwei Frauen mit einem Kinderwagen stehen vor demselben Briefkasten und scheinen ebenfalls etwas einzuwerfen.

          Ein Künstler geht ins Archiv. Dort findet er seltsame Bilder. Da sieht man einen Briefkasten, in den eine alte Frau etwas hineinwirft. Zwei Frauen mit einem Kinderwagen stehen vor demselben Briefkasten und scheinen ebenfalls etwas einzuwerfen. Ein anderer Briefkasten steht irgendwo an einer verwitterten Hauswand. Niemand ist zu sehen. Dann: wieder derselbe Briefkasten! Jetzt nähert sich eine Frau mit einem Brief in der Hand. Wer, fragt man sich schnell, hat diese banalen Bilder aufgenommen - und warum? Ein Briefkastenfetischist?

          Und dann die Polaroids: Man sieht Bücherstapel im Regal, Unterlagen auf billig furnierten Schreibtischen, ein paar Schuhe auf einem Teppich vor einem Spiegel, daneben ein kunstlederner Aktenkoffer. Eine Kaffeemaschine, ein altes Transistorradio, eine Katze, ein Meerschweinchen. Nichts Besonderes. Viele Leute haben derartige Dinge, Alltagsgegenstände in ihren Wohnungen fotografiert. Aber was passiert hier? Es gibt noch zahllose andere solcher Bilder, gähnend öde Alltagsszenen, die der Berliner Künstler Simon Menner aus einem Archiv geholt hat - und so banal diese Bilder wirken, so tragisch, komisch, trostlos und bedrohlich sind die Geschichten, die hinter ihnen stehen.

          All diese Fotos wurden von Mitarbeitern der Staatssicherheit aufgenommen, es sind Bilder, die Menner monatelang in den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR gesichtet hat. Eine unglaubliche Entdeckung. Geplant ist jetzt eine Ausstellung "Bilder aus den geheimen Archiven der Stasi", die vom 20. August an im Kunst-im-Bauhof-Haus im schweizerischen Winterthur stattfinden wird. Menners Fund zeigt ein bisher ungesehenes Bildarchiv einer kollektiven Psychose, einer totalitären Überwachungsperfidie, die eine ungewöhnliche Masse normaler Menschen angesteckt hatte. Hier fotografiert nicht der Geheimdienst mit Hightech-Apparaten, hier knipst der aufgestachelte Normalbürger.

          Ein zerwühltes Bett ist auf einem der Fotos zu sehen - aufgenommen, um nach einer Wohnungsdurchsuchung den ursprünglichen Zustand wiederherstellen zu können. Auf einem anderen sieht man eine Frau mit Kindern aus einem Hauseingang kommen. Ein Mann in ulkiger Pose mit Sonnenbrille und Kamera steht in einem Zimmer - die Bilderserie zeigt, wie hier einer trainiert, sich zu verkleiden, mal als einfacher Arbeiter, mal als solvente Figur im Webpelz, und die Verkleidungen sind so billig, so lächerlich, dass man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, und sich schnell fragt, ob es nicht einfach eine Behauptung ist, dass diese Bilder von Stasi-Mitarbeitern stammen; hat sich hier nicht vielleicht ein Künstler alles bloß ausgedacht? Wer beweist, dass diese Bilder falscher Identitäten selbst nicht gefälscht, erfunden sind? Wodurch entsteht die Sicherheit beim Betrachten? Selbst heute neigen wir dazu, alles zu glauben, was auf einem Foto zu sehen ist, obwohl wir seit Jahren wissen, wie einfach die digitale Manipulation von Bildern ist. Zur Kunst des 1978 geborenen Simon Menner gehört immer auch der Zweifel an den Funden. Sehen wir wirklich das, was abgebildet ist? Wodurch entsteht der Glaube, den scheinbar objektiven Bildinhalt, die Situation verstanden zu haben?

          Erst durch die Kenntnis des Zusammenhangs, in dem die Fotos entstanden sind, verlassen wir das Reich des Zweifels und schauen in den Abgrund des Stasifotografen, der mit der Observierung beschäftigt war, in das Leben des ahnungslosen bespitzelten DDR-Bürgers. Es sind Bilder eines psychotischen Verhältnisses zur Realität und den Objekten. Unbedeutende persönliche Dinge werden überhöht zu staatsfeindlichen Ikonen. Alles ist verdächtig: Eine Kaffeemaschine von Siemens, eine Salbe gegen Prellungen aus westlicher Pharmaproduktion oder Pin-Up-Fotos westlicher Schönheiten aus Erotikmagazinen bekommen den Status von Werkzeugen gegen das DDR-Regime. Auf einigen Fotos sind nicht nur die Objekte, also die verdächtigen Menschen und ihre Besitztümer zu sehen, sondern auch die Überwacher selbst. Sie haben sich verkleidet, falsche Bärte ins Gesicht geklebt und fotografiert, um die Wirkung der Tarnung zu prüfen, sie haben Handzeichen hinter dem Rücken geübt oder einfach trainiert, unauffällig zu erscheinen.

          Und dann gibt es Bilder, auf denen sich die Überwacher gegenseitig überwachen. Stasi-Geheimdienstler fotografieren Mitarbeiter der alliierten Militärverbindungsmissionen. Die einen fahren Lada, Wartburg oder Wolga, die anderen Range Rover oder Opel Admiral - die Agenten blockieren sich gegenseitig mit ihren Autos. All das wäre in seiner offensichtlichen Stümperhaftigkeit amüsant, wüsste man nicht, dass selbst die analogen, auch technisch plumpen Mittel der damaligen Zeit Existenzen zerstört, Familien auseinandergerissen und permanente Ängste und Unsicherheit erzeugt haben. Dass wir es heute im Zeitalter der elektronischen Hausdurchsuchung, der Vorratsdatenspeicherung und des Lauschangriffes nicht mehr mit tumben, schlecht verkleideten Agenten zu tun bekommen, sollte nicht unsensibel für die Formen der Manipulation und des Eindringens in unsere Privatsphäre machen.

          So gesehen ist dieser Fund, der knapp fünfzig Jahre nach dem Mauerbau auftaucht, eine Botschaft an die auskunftsfreudige Facebook-Gesellschaft: Wer zu viel preisgibt, macht es den bösen Kaspern leicht, sich ins Leben der anderen einzuschleichen. Dieser Menschenschlag hat die Existenz der Stasi überhaupt erst möglich gemacht wird - und wird mit dem Ende der Stasi nicht einfach verschwunden sein. Was wohl der Dicke mit dem falschen Bart heute macht? Ist vielleicht auch auf Facebook. IVO GOETZ

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