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Heinz Bude: Bildungspanik : Es käme darauf an, die Ungleichheit zu nutzen

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Bild: Verlag

Wenn man unter sich bleibt, braucht man keine Angst zu haben, dass die Kinder falschen Kontakt pflegen: So sieht für Heinz Bude die Logik des Bildungsprotektionismus aus, die er als Panik abtut.

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          Heinz Bude analysiert in seinem Essay ein Phänomen, das er „Bildungspanik“ nennt. Gemeint sind panische Verhaltensweisen der, wie es heißt, „nervösen Aufsteigerfraktion der Mittelklassen“, die ihren Kindern die besten Plätze in den höheren Schulen sichern wollen, und dies möglichst in Privatschulen. Diese Klassen sind entstanden als Folge der Bildungsexpansion, die eingesetzt hat, nachdem Georg Picht 1964 die „deutsche Bildungskatastrophe“ ausgerufen hatte. „Bildungspanik“ ist gleichsam die Bilanz der „Bildungskatastrophe“. Knapp fünfzig Jahre nach Pichts Kassandraruf hat sich ein Bildungssystem entwickelt, in dem das Gymnasium vielerorts zu einer neuen Form von Volksschule geworden ist. Bude geht zu Recht davon aus, dass die Bildungsexpansion vor allem dem Gymnasium genutzt hat, allerdings um den Preis nivellierender Tendenzen. Die Bildungsexpansion war und ist nicht zum Nulltarif zu haben.

          Letztlich wird ein sich ständig erweiternder Matthäus-Effekt beschrieben. Mit jeder Ausweitung des Zugangs zum Gymnasium weitet sich auch der Bildungsanspruch der Eltern aus. Wer ein Gymnasium erfolgreich absolviert hat, sieht zu, dass seine Kinder genau das Gleiche tun können. Alle anderen Bildungsabschlüsse geraten ins Abseits, aber nicht nur das, zugleich wird die Exklusivität des deutschen Abiturs entwertet. Ökonomen nennen so etwas Inflation.

          Die soziologische Entzauberung der Bildungsaspiration

          Bude geht weiter davon aus, dass Familien immer einen Weg finden werden, staatliche Lenkungen der Schülerströme zu unterlaufen, sofern sie an Bildung interessiert sind und eine Präkariatsposition nicht akzeptieren. Der Essay skizziert eine „verfahrene Lage“, die entstanden ist, insofern sich die Bildungsaspirationen auf eine Schulform hin verengt haben. Für diese Lage von Verengung und Ausschluss gibt es keine „glaubhafte Metaposition“, weil Privilegien gesucht und verteidigt werden. Dennoch sucht Bude nach einer dritten Position, die zwischen den Bildungsaufsteigern und den Absteigern vermitteln kann. Die dafür in Anspruch genommene Grundnorm lautet so: „Die Bildung ist ein öffentliches Gut, das man nicht dem Spiel der Partikularinteressen überlassen darf.“ Gefordert wird gleich zu Beginn eine „aktive Bildungspolitik“, von der dann aber im Verlaufe des Essays kaum noch gesprochen wird. Bildung ist die „entscheidende Leistungskategorie der Leistungsgesellschaft“, doch wie das in welche Bildungspolitik übersetzt werden soll, die nicht in die von Bude herausgestrichene Falle einer bloß formalen Qualitätssicherung à la PISA laufen will, wird nicht weiter ausgeführt.

          Die soziologische Entzauberung der Bildungsaspiration ist dagegen nachvollziehbar, ebenso wie die Kritik am ganzheitlichen deutschen Bildungsbegriff, der sich auf Elitenkulturen und nicht auf eine demokratische Gesellschaft richtet. Erhellend ist auch die Begrenzung der Ideologie der Chancengleichheit. Im Sinne des englischen Wohlfahrtstheoretikers T. H. Marshall kann man mit Bildung wohl die soziale Bürgerschaft stärken, aber nicht die gesellschaftliche Ungleichheit aushebeln. Es käme darauf an, gerade die Ungleichheit zu nutzen.

          Die „Entschulung der Bildung“

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