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Hans Neuenfels : Psychoanalyse der Opernbühne Die Personalien der Woche

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Zweimal standen die Türken vor Wien, verbreiteten Furcht und Schrecken - und scheiterten. 1998 aber war der Erzfeind inmitten der Mauern. Freilich war es nicht der wilde Muselman, der ins Allerheiligste eingedrungen war, sondern ...

          Zweimal standen die Türken vor Wien, verbreiteten Furcht und Schrecken - und scheiterten. 1998 aber war der Erzfeind inmitten der Mauern. Freilich war es nicht der wilde Muselman, der ins Allerheiligste eingedrungen war, sondern ein deutscher Theatermann: Hans Neuenfels inszenierte in der Staatsoper Giacomo Meyerbeers einst ungeheuer populären "Propheten", seit 1933/38 verbannt, nun zur Wiedererweckung erkoren - unter Mithilfe von Placido Domingo und Agnes Baltsa. Neuenfels bekannte, mit den teuren Stimmgrößen geringere Probleme gehabt zu haben als mit dem Gesamtapparat, hielt denn auch mit dem Resümee nicht zurück: Nie wieder!

          Die Zeiten haben sich geändert: Neuenfels-Inszenierungen gab es bei den Salzburger Festspielen, in den Staatsopern Hamburg und München - und in Bayreuth 2010 sogar "Lohengrin". Mit Beharrlichkeit schien da der Achtundsechziger-Weg durch die Institutionen gelungen. Neuenfels indes ist neben Johann Kresnik einer der wenigen Künstler, die sich noch einiges vom alten Verstörungspotential bewahrt haben. Denn immer noch vermag er zu polarisieren - und auf und mit dem Theater dahin zu gelangen, wo es weh tut, den Finger auf kollektive Wunden zu legen. Wenn er im Bayreuther "Lohengrin" das ewig wankelmütig autoritätshörige "Volk" mit der Ratten-Metapher (schon bei Heine) bedenkt, kommt er manch wahren, nicht nur historischen Sachverhalten gefährlich nahe. Eines gleichwohl ist er nicht: ein Agitprop-Künstler. Bezeichnenderweise hat er von Brecht nur den frühen, anarchischen "Baal" inszeniert. Für

          die eher karg Zeichen setzende, gesellschaftliche belehrende Bühnenästhetik stand in ihrer Frankfurter Doppelära Peter Palitzsch.

          Festzulegen ist er kaum. In Krefeld geboren, aus gutem katholischen Milieu, ging der junge Lyriker nach Paris als Assistent zu Max Ernst. Bei dem begriff er nicht nur, wie Gedanke, Sprache und Bild zusammengehören, sondern erst recht, welches Instrumentarium die Psychoanalyse bereithielt. Was manifest und was latent, was Vorder- und Hintergrund, was konstant und was triebmechanisch ist, lässt sich in Neuenfels-Inszenierungen erfahren. Um abstrakt analytische Thesen geht es bei Neuenfels nicht, dem vital-dynamische Sinnlichkeit weit wichtiger ist - dies allerdings auch im Sinne ödipalen Vatermords an den oft nur scheinheiligen Traditionswerten. So war es alles andere als zufällig, dass Neuenfels' Initiationsregie 1969 in Heidelberg, Peter Tersons frenetische Fußball-Revue "Zicke-Zacke", zur Identifikationsorgie entfesselter Jugendkultur wurde.

          In Stuttgart und Frankfurt hat Neuenfels Schauspielgeschichte geschrieben, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Trissenaar etwa "Medea" oder "Iphigenie auf Tauris" als kinetische Versuchsanordnungen zur Ver- und Zerstörungskraft des Eros explosiv gemacht. Zum Klassiker-Exegeten taugte er nicht, und in einem schönen Essay hat er denn auch das Klassische so ehrerbietig wie respektlos umkreist. Dass Kleists "Penthesilea" als Theater, Film und Othmar Schoecks Oper (in Basel) zur Grenzüberschreitung in vielerlei Hinsicht wurde, war fast zwangsläufig.

          Der Sog der Oper wurde in den siebziger Jahren für viele aus Schauspiel und Film unwiderstehlich. Neuenfels vor allem hat die Faszination als Doppelcharakter definiert: Es sei wie beim Autofahren, da könne man auch bei hundertfünfzig nicht einfach aussteigen; trotzdem locke das "Verweile doch, du bist so schön". In dieser Gegenläufigkeit haben Neuenfels' Operninszenierungen ihr Berückendes. Und dies vor allem, weil er eminent musikbezogen arbeitet. Dabei hat er keine sonderlich musikalische Ausbildung, und an den Textbüchern klebt er erst recht nicht. Stattdessen hört er psychoanalytisch in die Musik hinein, entlockt ihr, was sie über Personen und Situationen verrät - etwa im Ineinander von Furor und Trivialität bei Verdi.

          Sein Nürnberger "Troubadour"-Debüt 1974 führte denn auch ins Schreckenskabinett eines Sadomaso-Freaks, wo aus Entsetzen Slapstick, aus Komik Grauen wurde. Und die "Macbeth"-Hexen kamen aus scheppernden Offenbachiaden. In der Frankfurter Gielen-Ära waren es trotz der legendären "Aida" besonders die Wiedergewinnung von Schrekers "Gezeichneten" und Busonis "Doktor Faust", in der Durchdringung von surrealer Phantasie und perfektester Bühnen-Virtuosität so gigantisch, dass sich lange niemand an die beiden Opern traute. Mit der Stuttgarter "Entführung" gelang es ihm, die Singspiel-Doppelung von Gesang und Dialog komplett auseinanderzutreiben, die Figuren zu spalten, bis hin zum feisten und hageren Osmin: zwei Körper in einer Rolle. Als linken Aufklärer versteht sich Neuenfels nicht unbedingt. Aber wenn im Nachspiel des Berliner "Idomeneo" die abgehauenen Häupter von Poseidon, Christus, Buddha und Mohammed auftauchen, signalisiert dies die Einheit von Vatermord und "Gott ist tot". Am 31. Mai feiert er seinen siebzigsten Geburtstag. GERHARD R. KOCH

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