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Glosse Feuilleton : Globesitter

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Dass es Deutschland bessergeht als anderen Ländern der Europäischen Union, liegt nicht zuletzt an der Exportbilanz. Von schnellen Automobilen über Magnetzüge bis zu Leo-Panzern erwartet man von deutschen Produkten stets Höchstleistungen.

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          Dass es Deutschland bessergeht als anderen Ländern der Europäischen Union, liegt nicht zuletzt an der Exportbilanz. Von schnellen Automobilen über Magnetzüge bis zu Leo-Panzern erwartet man von deutschen Produkten stets Höchstleistungen. Nun kommt ein neues Qualitätsprodukt hinzu: die deutsche Mutter. Während sie hierzulande nach Jahren ideologischer Grabenkämpfe als Vollzeitmodell aus der Mode gekommen ist, erlebt sie im Ausland eine überraschende Renaissance. Bei uns reiben sich junge Frauen inzwischen genauso wie in Frankreich, Schweden oder Amerika zwischen den Anforderungen von Kindern und Karriere auf. Ihre Mütter aber, die noch ganz in der Hausfrauenrolle aufgingen, wollen partout nicht in Rente gehen. Darum bieten sie ihre Dienste neuerdings im Ausland an - als Leih-Oma auf Zeit. Vor gut einem Jahr gründete Michaela Hansen in Hamburg die Agentur "Granny Aupair", mit der sie Frauen über fünfzig an Familien im Ausland vermittelt. Seither kann sie sich vor Angeboten kaum noch retten. Wer sagt denn, dass erfahrene, lebenskundige Frauen nicht das Gleiche wagen wollen wie Zwanzigjährige, die es als Aupair hinaus in die Welt zieht? Der clash of generations kommt auch in der Fremde sehr gut an. Mehr als zweihundert deutsche Frauen im Alter bis zu siebzig Jahren hat Michaela Hansen schon vermittelt. Haushalte in Indien schätzen die importierten Sekundärtugenden ebenso wie Familien in Jordanien, Frankreich oder England. Dort wird die "deutsche Damenarmee" regelrecht gefeiert: Ältere Frauen seien einfach besser als junge Aupairs, schreibt der "Independent", weil sie mehr Lebenserfahrung hätten, verlässlich, ernsthaft und streng seien und außerdem keine Dramen wegen Liebeskummer mehr machten. Der Besuch der alten Damen endet jedenfalls glücklicher als bei Dürrenmatt, in dessen Theaterstück die Greisin Claire grausam Rache nimmt für verpasste Chancen. Die Erlebnisberichte der ruhelosen Rentnerinnen über ihre Auslandsaufenthalte im Internet zeigen vielmehr, wie gern diese ihre Könnerschaft in allen Haushaltsfragen mit einer weiteren deutschen Passion, dem Reisen, verknüpfen. Wer ins Pensionsalter kommt, hat meist noch ein Viertel seines Lebens vor sich. Das wissen auch die Politiker. Zudem wird es nicht lange dauern, bis der Ausfall der Zivildienstleistenden große Lücken ins deutsche Sozialsystem reißt. Dass ältere Menschen dann als die neuen "Zivis" eingezogen werden, gilt schon jetzt als ausgemacht. Wie praktisch, wenn sich Oma dann gerade als Aupair in Mumbay aufhält.

          S.K.

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