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Gazastreifen : Letzte Fragen

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Da sind die israelischen Flugzeuge, die über diesen Landstrich donnern, die unablässig surrenden Drohnen, die Granaten. Es ist Krieg in dieser Woche im November. „Geh nicht weit weg vom Haus, da sind so viele Flugzeuge“, warnt ihn sein Vater an diesem Abend. Aber Mohammed, sein Sohn, beruhigt ihn, bevor er losgeht. Es sei bald wieder zurück. Zusammen mit einem Freund, Hussan Yousef al-Ostaz, biegt er in die Al-Birkeh-Straße ein. Es ist Dienstag, der 20. November, der vorletzte Tag dieses Krieges.

Wie mit dem Messer aufgerissen

Zu diesem Zeitpunkt arbeiten die Fieldworker des PCHR schon seit Tagen unter Bomben. Sofort nach den Angriffen sammeln sie Informationen vor Ort: Wie viele Tote? Trug einer Uniform? Welche Schrapnelle verletzten wen? Manchmal vergehen nur Minuten, bis ein zweiter Angriff kommt. Die Fieldworker leben gefährlich. Ihre Daten geben sie später den Rechercheuren und Anwälten des PCHR, damit die entscheiden, wer ein Zivilist war und wer nicht. Es ist Detektivarbeit.

Um 17 Uhr 40, die Sonne ist bereits untergegangen, schießt ein israelischer F-16-Kampfjet eine Rakete auf Gaza-Stadt. Das Auto, das sie trifft, wird wie mit einem riesigen Messer aufgerissen und zerfetzt, als wäre es eine Nuss, die man aufbricht. „TV“ stand groß und in Leuchtbuchstaben auf der Motorhaube geschrieben. Die Rakete gilt zwei Kameramännern von Al-Aqsa TV. Sie sterben im Krankenhaus an ihren Verbrennungen. „Zwei Tote“, notiert ein Fieldworker des PCHR. Es sind zwei tote Journalisten.

„Wie erzeugt man Schmerzen?“ fragt Raji Sourani und antwortet mit seinem Blick. Sourani ist nicht nur Kopf des PCHR, er ist auch dessen Herz; ein nicht besonders großer, freundlicher Mann, der von Israel viermal inhaftiert und mehrfach gefoltert wurde.

„Das Völkerrecht ist keine Spielerei“

Sourani, 1955 in Gaza geboren, empfängt den Besucher in seinem Büro, es liegt im zweiten Stock des PCHR. Auf dem Weg dorthin blickt Che Guevara von der Wand aus dem Sieg entgegen, ein anderes Poster zitiert Voltaires Bonmot über die Toleranz. Hunderte Menschenrechtsberichte, nach Datum und Sprache geordnet, warten in Schubfächern auf ihre Leser. Es ist das internationale, staatenlose Repertoire des Freiheitskampfes, das die Besucher im PCHR empfängt.

„Das universelle Völkerrecht ist keine intellektuelle Spielerei“, sagt Sourani, es ist sein Credo. „Sondern etwas, in dessen Genuss alle Menschen kommen sollten.“ Genießen, „enjoy“, er spricht das Wort aus, als böte er Granatapfelsaft an. Rechte „genießen“ klingt für einen Mitteleuropäer so ganz anders als für jemanden, der vielleicht sein ganzes Leben lang staatenlos bleiben wird: jemanden wie Sourani. Jemanden, der seit fünfzig Jahren im Gazastreifen lebt, dessen Familie seit einigen Jahrhunderten dort lebt, der sagt, er wolle seinen beiden Kindern ersparen, was er durchgemacht habe, deshalb studiert seine Tochter jetzt auch im Ausland.

Abu Eisha, der Journalist, studierte in Gaza. Die Menschenrechte gelten auch für ihn. Sollte Israel ihn gezielt angreifen, wäre das ein Kriegsverbrechen. Das PCHR würde den israelischen Befehlshaber vor einem israelischen Gericht verklagen, so, wie sie es in mehreren hundert Fällen schon getan haben - in weniger als zehn davon mit Erfolg. Deshalb will das PCHR Israel nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof sehen. Dort, so hofft man, hat man mehr Erfolg.

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