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Gallery Weekend 2014 : Auf der Suche nach der verlorenen Kunst

Andere Städte haben Kunstmessen – in Berlin gibt es das Gallery Weekend. Zum zehnten Mal laden die Galerien zum Rundgang ein. Diesmal ist viel Moderne der Nachkriegszeit und Außerirdisches zu sehen.

          Wenn in amerikanischen Filmen Kolonnen von großen schwarzen Limousinen vor sehr kleinen Läden oder in Hinterhöfen parken, weiß man, dass dort die Mafia tagt. Wenn das Gleiche in Berlin passiert, ist Gallery Weekend. Vor zehn Jahren fand die erste Ausgabe dieser Veranstaltung statt, zu einer Zeit, als Berliner Galeristen auf Messen in aller Welt ihre Kunst verkauften, aber kaum jemand mehr nach Berlin kam – eben weil die Berliner eh überall waren, in Basel, Miami, London und Paris. Die Idee war einfach: Man trommelt zwanzig Galeristen zusammen, eröffnet gleichzeitig zwanzig Ausstellungen, läuft zu einem großen Dinner und erzeugt so eine Grundhitze, die Sammler und Kuratoren aus aller Welt anzieht. Mittlerweile sind fünfzig Galerien beteiligt, seit Tagen rollen die Limousinen des Shuttle Service von Galerie zu Galerie, bis zuletzt wurde heftig gearbeitet: Man sah Aurel Scheibler rätselhaft schwere Pakete auf einem klapperigen Rollwagen in seine Galerie schieben, in der er Gemälde und ein paar schöne, cartoonhaft reduzierte Kohlezeichnungen von Philip Guston zeigt. Man sah Thilo Wermke und Alexander Schröder die letzten Handwerker durch die neuen Räume dirigieren – die Galerie Neu hat soeben ein umgebautes DDR-Heizhaus in einem verwunschenen Plattenbau-Hinterhof an der Linienstraße bezogen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Überhaupt die Architektur: Die Jahre nach 2010 werden einmal als goldenes Zeitalter des Galeriebaus in die Geschichte der Berliner Architektur eingehen, wobei es die Kunst überhaupt nicht einfach hat, gegen die spektakulären Häuser anzukommen. Blain Southern etwa residiert in einer ehemaligen Druckerei mit zigmeterhohen Decken, unter denen selbst Lynn Chadwicks ausladende semiabstrakte Tierplastiken fast winzig wirken (die frühen Skulpturen sind interessant, weil sie, statt Löwen abzubilden, versuchen, dem Gebrüll eine Form zu geben, die späteren wirken wie Architekturmodelle, die sich im letzten Moment entschlossen haben, Tiere sein zu wollen, also eher albern). Johann König zeigt im dunklen Riesenschiff der Kreuzberger Düttmann-Kirche, die er als Galerie nutzt, einen Film von Michael Sailsdorfer, der über Monate jedes abgefallene Blatt eines Baums grün färbte und wieder an die Äste binden ließ, wobei der Baum, derart zwangsergrünt, am Ende kranker aussieht als ohne Laub.

          Die für die notorisch finanzklamme und sammlerarme Stadt Berlin erstaunlichen Megabauten der Galeristen zeigen aber auch noch etwas anderes, eine Art Kontinentaldrift der Kunstszene: Die Galeriewelten treiben auseinander, und die Architektur bildet das ab. Vor fünfzehn Jahren waren die jüngeren Berliner alle auf einem relativ ähnlichen Niveau in ähnlich großen Räumen, meist Wohnungen oder Lagerräumen, gestartet. Diese mittlere Größe gibt es fast nicht mehr: Galerien sind entweder riesig geworden oder winzig oder weg. Einige Galerien wie Giti Nourbakhsch oder Klosterfelde, die über Jahre das Berliner Kunstklima prägten, sind verschwunden, andere wie Contemporary Fine Arts (CFA) oder Neugerriemschneider können sich allmählich zu den größeren Berliner Wirtschaftsunternehmen zählen, und der Titel der aktuellen Gruppenausstellung bei CFA, „Maximalism“, würde sich auch gut zur Beschreibung des neuen Galeriebaustils eignen. Was nicht heißt, dass nicht immer wieder kleinere Räume eröffnen. Die Qualität des Gallery Weekend liegt auch darin, dass es jedes Mal wieder neue kleinere Projekte ans Licht bringt, die über das manchmal professionell-fade Programm einiger etablierter Galerien hinwegtrösten.

          Eine der Entdeckungen in diesem Jahr ist die Malerei von Julian Beck bei Supportico Lopez. Beck, geboren 1925, gestorben 1985, war bekannt als Schauspieler und als Gründer des experimentellen „Living Theatre“, das er zusammen mit seiner Frau Judith Malina betrieb, er war eine der zentralen Figuren der New Yorker Kunstszene, befreundet mit John Cage und den Künstlern aus Peggy Guggenheims Kreis. Anders als andere Schauspieler, die irgendwann, wenn die Karriere stockt, als Therapie oder aus Trotz zu malen beginnen, war Beck zunächst ein anerkannter Maler und wandte sich dann der Schauspielerei zu. Bei Supportico Lopez wird nun seine Malerei gezeigt: Man findet Einflüsse des Surrealismus, der Farbfeldmalerei und des abstrakten Expressionismus, vor allem aber sieht man eine Zwischenform von Malerei und Theater entstehen, die Leinwand als Bühne für die Bewegungen des Körpers.

          Anders als es das Klischee will, ist das Gallery Weekend nicht nur die Schau junger Galerien, die junge Künstler in den Markt drücken, sondern auch ein Ort für Wiederentdeckungen: Bei Barbara Weiss ist die 1926 geborene Rumänin Geta Bratescu zu sehen, bei Galerie Crone Georg Karl Pfahlers „Tex Series“ – Farbräume aus einer Zeit, in der Signalfarben gar nicht intensiv genug sein konnten. Ähnlich intensiv wie Pfahlers Op-Art-hafte Angriffe auf die Retina sind die Farben jener roten und bunten Pfeile, die das Werk von Katja Novitskova durchziehen. Sie ist ein Beispiel für die jüngeren Künstlerinnen und Künstler auf diesem Gallery Weekend. In der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler, die sich auf einer Büroetage eines alten DDR-Baus am Alexanderplatz versteckt, wird ihre Arbeit „Spirit, Curiosity and Opportunity“ gezeigt – alles Namen von Marsfahrzeugen, die erst gestern wieder in die Schlagzeilen kamen, weil einer dieser Rover ein Bild zur Erde sandte, auf dem scheinbar ein menschenähnliches Lebewesen zu erkennen war.

          In Novitskovas Arbeit geht es um die Geschichte dieser Weltraumträume und Verschwörungstheorien, um das Verhältnis von Wissenschaft und Science-Fiction: Seltsame Marabu-Wesen hausen auf Novitskovas unwirtlichem Planeten, ein Video zeigt die Marsoberfläche, bevölkert von seltsamen Dingen. Falls Ihr Begleiter plötzlich in diesem Film auftaucht, dürfen Sie sich nicht wundern – der scheinbare Mars ist in der Tiefgarage als Bühne aufgebaut, von dort überträgt eine Kamera das Bild live in die Galerie, was auch eine Anspielung auf die größte aller galaktischen Verschwörungstheorien ist, jener nämlich, dass die Mondlandung in einem Studio irgendwo in Hollywood gefilmt wurde. Ein ganz eigenes, poetisch-privatkosmologisches Modell baut Björn Dahlem bei Baudach auf: Ein Planet aus Lampen scheint auf einer hölzernen Umlaufbahn durch den Raum zu rasen, ein kleines Roboterwesen mit Molekülmodellantennenarmen streckt sich ins Dunkel des Alls.

          Die dunklen Seiten der irdischen Welt, die Abgründe des Überwachens und Strafens, finden ihren Nachhall in der Filminstallation des 1982 geborenen, in Los Angeles arbeitenden Performers Wu Tsang bei Bortolozzi: Man sieht eine wüste Trans-Gender-Party, in der Rebellen gegen die Überwacher aufbegehren, bis eine Lack-und-Leder-Polizei mit Schlagstöcken in die Räume dringt, und draußen warten die schwarzen Geländewagen, im Film wie im echten Berlin.

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