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: Europa ließ ihn nicht los

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Seine Methode lasse sich charakterisieren als "moderner Positivismus, stark durchtränkt von politischen Überlegungen", schreibt Eric Stein in seinem letzten, soeben im "Michigan Journal of International Law" erschienenen Beitrag.

          Seine Methode lasse sich charakterisieren als "moderner Positivismus, stark durchtränkt von politischen Überlegungen", schreibt Eric Stein in seinem letzten, soeben im "Michigan Journal of International Law" erschienenen Beitrag. Darin schildert der Völker- und Europarechtler seine Zeit als Rechtsberater im Stab der Alliierten Kommission für Italien, 1943 bis 1946. Es sind die Erfahrungen des Militärjuristen mit den Verflechtungen von Recht und Politik, die Stein prägten, diesen Pionier der transnationalen Rechtsentwicklung seit 1945, der nicht nur als Erster weltweit an einer Universität Vorlesungen über das Recht der Europäischen Integration anbot, sondern durch deren Konzeptionalisierung als "Konstitutionalisierung" auch den Verfassungsbegriff der westlichen Tradition als zentrale Kategorie in die europarechtliche und -politische Debatte einführte.

          Sein langes und immens produktives Gelehrtenleben spiegelt mehr als sechzig Jahre Zeit- und Rechtsgeschichte - von der Erarbeitung des Alliierten Besatzungsstatuts und der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte über die großen Leitentscheidungen des Europäischen Gerichtshofs, die das Recht der Europäischen Gemeinschaften als "autonome Rechtsordnung" etablierten, und die Debatte um die Europäische Verfassung bis hin zu jüngsten Diskussionen über Wettbewerb und Kollision normativer Ordnungen. Am 8. Juli 1913 als Sohn eines jüdischen Schuhfabrikanten im böhmischen Holice geboren, studierte Stein Rechtswissenschaft an der Prager Karls-Universität, wo er 1938 promoviert wurde. 1940 über Italien in die Vereinigten Staaten emigriert, studierte er an der University of Michigan Law School amerikanisches Recht.

          Nach dem Militärdienst in Europa holte ihn Dean Rusk 1946 in die neu gegründete UN-Abteilung des State Department. Auf dem Parkett der Vereinten Nationen wirkte er entscheidend mit an völkerrechtlichen Weichenstellungen wie der "Uniting for Peace"-Resolution. Das Versprechen einer neuen globalen Ordnung verlor im politischen Alltag für den präzisen Juristen aber bald jeden Glanz, und 1956 wechselte er an seine amerikanische Alma Mater nach Ann Arbor, sein wissenschaftliches Lebensthema im Gepäck: Seit den frühen fünfziger Jahren hatte Stein die im Außenministerium eingehenden Fernschreiben über den Aufbau der Montanunion verfolgt. Prophetisch schrieb er schon 1960, dass sich daraus mehr entwickeln werde als eine bloß wirtschaftliche Kooperation.

          Im akademischen Jahr 1984/85 kam Eric Stein als erster Rechtswissenschaftler als Fellow ans Wissenschaftskolleg zu Berlin. In der geteilten Stadt entdeckte er seine alte Liebe zu den deutschen Expressionisten wieder, deren Graphiken und Zeichnungen er und seine Frau Virginia mit großer Leidenschaft zu sammeln begannen. Vom Ort bestimmen ließ Stein auch sein Forschungsthema - und arbeitete nicht etwa über Entwicklungen des Europarechts, sondern über ein damals hochumstrittenes deutsches Gesetzgebungsvorhaben: das Verbot der "Auschwitzlüge", dem er später einen ausführlichen Beitrag in der "Michigan Law Review" widmete und über das er mit Ernst Nolte, Christian Meier und anderen prominenten Protagonisten des Historikerstreits korrespondierte. Mit der ihm eigenen Diskretion erwähnte Stein, dass für ihn die Rolle des "objektiven Beobachters" der Debatten über die deutsche Vergangenheit nicht unproblematisch gewesen sei.

          Erst in seinen letzten Lebensjahren aber sprach er über die Geschichte, die hinter dieser Bemerkung steht: Bei seiner Flucht aus Europa hatte er seine Familie zurücklassen müssen, beide Eltern kamen in Auschwitz ums Leben, nur eine seiner beiden Schwestern überlebte mit ihrem Sohn den Holocaust.

          Als aufmerksamer und großzügiger Mentor begleitete Stein Generationen junger Juristen, darunter zahlreiche bald eminente Rechtswissenschaftler wie Jochen Frowein, Daniel Halberstam, Hans Christian Krüger, Mathias Reimann, Joseph Weiler und den deutschen Richter am Internationalen Gerichtshof, Bruno Simma. Seine Arbeiten entstanden im steten Dialog, eingebunden in vielfältige transatlantische Netzwerke, die Stein regelmäßig als Gastprofessor an europäische Universitäten führten.

          Eric Stein war ein Meister der Freundschaft - und der Sprache. Ende der zwanziger Jahre waren seine ersten Veröffentlichungen in Prager Zeitungen erschienen: Gedichte, Rezensionen und Essays. Acht Jahrzehnte vergingen, bevor abermals eines seiner Gedichte in Druck ging. Auf eigene Weise poetisch sind aber alle seine scharfsichtigen Analysen und klugen Prognosen, mit denen er mehr als sechs Jahrzehnte lang die Entwicklungen des europäischen und internationalen Rechts begleitete - und die unentbehrlich bleiben werden zur kritischen Auseinandersetzung mit Zukunft und Herkunft des Rechts. Am vergangenen Donnerstag ist Eric Stein in Ann Arbor gestorben. ALEXANDRA KEMMERER

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