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: Erste Anlaufstelle Grenadierstraße

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"Kein Ostjude kommt freiwillig nach Berlin", schrieb der aus Galizien stammende Wiener Jude Joseph Roth im Jahr 1927. "Wer in aller Welt kommt freiwillig nach Berlin? Berlin ist eine Durchgangsstation, in der man aus zwingenden Gründen länger verweilt.

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          "Kein Ostjude kommt freiwillig nach Berlin", schrieb der aus Galizien stammende Wiener Jude Joseph Roth im Jahr 1927. "Wer in aller Welt kommt freiwillig nach Berlin? Berlin ist eine Durchgangsstation, in der man aus zwingenden Gründen länger verweilt. Berlin hat kein Getto. Es hat ein jüdisches Viertel. Hierher kommen Emigranten, die über Hamburg und Amsterdam nach Amerika wollen. Hier bleiben sie oft stecken. Es sind schon manche, die nur ein Durchreisevisum hatten, 2 bis 3 Jahre in Berlin geblieben."

          Aufgrund seiner zentralen Lage im mitteleuropäischen Eisenbahnnetz war das Berlin der Weimarer Republik in der Tat eine der wichtigsten Stationen in der ethnisch und sozial sehr gemischten Bevölkerungsbewegung von Osten nach Westen, die schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann und sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges intensivierte. Juden aus Polen, Russland und der Ukraine waren nicht überproportional vertreten. Von den nach 1918 registrierten fünfhunderttausend Migranten waren nur einige zehntausend jüdischer Herkunft. Doch die kulturelle Wucht der jüdischen Migration ließ deren Zahl bedeutender erscheinen. Von den hundertfünfundsiebzigtausend Juden, die 1925 in Berlin lebten, war nur ein Viertel Ausländer oder staatenlos.

          Ostjuden flohen vor Armut, Zwangsrekrutierung, Pogromen und beruflicher Perspektivlosigkeit. Nach 1918 verließen städtische jüdische Intellektuelle die Sowjetunion, um den repressiven Nachwehen der bolschewistischen Revolution zu entgehen. Zwischen 1918 bis 1925 wurde Berlin zu einer kulturellen Hochburg der russisch-, hebräisch- und jiddischsprachigen Diaspora, von der wesentliche Impulse auf die politische und künstlerische deutschjüdische Avantgarde ausgingen.

          Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa gehört sicher zu den am besten erforschten Themen der neueren jüdischen Geschichte. Und doch leistet der von Verena Dohrn und Gertrud Pickhan herausgegebene Band einen originellen Beitrag zum Verständnis der kulturellen Leistungen der jüdischen Exilanten. In den achtzehn reichhaltigen, klar geschriebenen Essays - neun davon in englischer Sprache - werden sowohl die vielfältigen sozialen Netzwerke beleuchtet, die um die Migranten entstanden, als auch einzelne Lebens- und Werkgeschichten analysiert.

          Erste Anlaufestelle für Neulinge war die Grenadierstraße. Sie war Umschlagplatz für lebenswichtige Informationen: Wo kann man wohnen, beten, essen, lernen, wie es weitergeht? "Grenadir-shtrase: roman fun yidishn lebn in daytshland" hieß denn auch der Roman des Psychiaters Fishl Shneerson. Billige Pensionen waren nicht nur Treffpunkte für Migranten, sondern auch interkulturelle Schnittstellen, wo Ostjuden unmittelbar auf Deutsche trafen. In den Berliner Erzählungen des bedeutenden jiddischen Modernisten David Bergelson wurde die Pension, so zeigt Mikhail Krutikov, zur Metapher für ein Berlin, das russischjüdischen Intellektuellen Bahnhof, aber nicht Heimat sein konnte. Berliner Kaffeehäuser wie das berühmte "Romanische Café", so Shachar Pinsker, erfüllten die Funktion einer zumindest zeitweiligen Beheimatung. Dass Cafés auch als Pressezentren dienten, zeigt Gennady Estraikhin. Daneben wurden Gewerkschaften, Hilfsorganisationen, politische Verbände und private Salons wie jener der zionistisch gesinnten Grüngards zu existenzsichernden Netzwerken.

          Oft übersehen wird die Rolle der Übersetzer als Kulturvermittler. In seinem Aufsatz über den Historiker Simon Dubnow, der 1922 im Alter von zweiundsechzig Jahren von St. Petersburg über Kaunas nach Berlin emigrierte, führt Olaf Terpitz vor Augen, wie anspruchsvoll die Arbeit seiner Übersetzer ins Deutsche und Englische war und wie entscheidend für seine internationale Rezeption. Leider kommt in diesem Aufsatz die Rolle des brillanten Übersetzers und Kulturvermittlers Alexander Eliasbergs etwas zu kurz.

          Dass Berlin für jiddische Schriftsteller nicht zur Heimat werden konnte, zeigen eindrucksvoll die Beiträge von Marc Caplan über Bergelson und von Rachel Seelig über den Dichter Moshe Kulbak. Kulbak klammerte in seinen 1922 in Berlin erschienenen "Neuen Gedichten" Berlin einfach aus und mythisierte stattdessen die litauischen Wälder. Später, als er schon wieder in Minsk wohnte, schrieb er eine fulminante Satire auf seine Berliner Lehrjahre, "Childe Harold von Disno" (1933), in der Berlin aus sowjetisch-marxistischer Sicht als dekadent hingestellt wird. Vier Jahre später wurde Kulbak von Stalins Schergen verhaftet und ermordet.

          Als letzter der großen jiddischen Schriftsteller entschloss sich Bergelson 1934, in die Sowjetunion zurückzukehren, nachdem Nationalsozialisten 1933 seine Wohnung durchsucht hatten. In Moskau schwenkte er sofort auf den vorgeschriebenen sozialistischen Realismus ein und wurde darum erst am 12. August 1952, seinem achtundsechzigsten Geburtstag, im Keller von Moskaus Lubyanka-Gefängnis ermordet.

          Bergelson und Kulbak wussten, dass sie als Juden in der Sowjetunion nicht frei sein würden. Doch wie die Essays in diesem Band zeigen, war ihnen auch klar, dass sie in Berlin nie Leser haben würden.

          SUSANNE KLINGENSTEIN

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