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Karl-Theodor zu Guttenberg hat das Auf und Ab, das einem Politiker in der Öffentlichkeit widerfährt, in Rekordzeit hinter sich gebracht. Er stieg als Wirtschaftsminister auf zum medial gefeierten Politstar, ließ sich ablichten auf dem New Yorker Times Square und schien abzuheben.

          Karl-Theodor zu Guttenberg hat das Auf und Ab, das einem Politiker in der Öffentlichkeit widerfährt, in Rekordzeit hinter sich gebracht. Er stieg als Wirtschaftsminister auf zum medial gefeierten Politstar, ließ sich ablichten auf dem New Yorker Times Square und schien abzuheben. Als Verteidigungsminister erlebte er, wie schnell erworbenes Ansehen verlorengehen kann. Das drohte ihm nach dem von der Bundeswehr herbeigeführten Bombardement bei Kundus. Der damals noch gar nicht zuständige Minister überstand die Krise, obwohl er seinen Standpunkt einmal komplett neu formulierte.

          "Innerhalb von Sekunden" könne es vorbei sein, sagt er in dem Film, den die ARD am Montag zeigte. Die Lektion, dass zu viel Medienpräsenz auch schädlich sein könnte, von welcher der SPD-Grande Egon Bahr spricht, hat zu Guttenberg begriffen. Er sei "geerdet", sagt er, unabhängig genug, für seine Meinung einzutreten, auch wenn es ihn den Posten kosten kann. Das, so zeigte Eckhart Querner, ist ein Erbe der Familie. Der Vater des Ministers, der Komponist und Dirigent Enoch zu Guttenberg, sagt es deutlich: "Wir sind so erzogen worden, dass man für das, was man für richtig hält, zur Not auch sterben können muss."

          Das scheint so gar nicht zu passen in die politische Welt, in der scheinbar Wendigkeit, Stromlinienförmigkeit und ein Näschen für den Mainstream gefragt sind. Doch erklärt es vielleicht auch, warum Karl-Theodor zu Guttenberg im Augenblick Deutschlands beliebtester Politiker ist und als Kanzlerkandidat gehandelt wird. Seine Rede kreist nicht selten in Schleifen, bevor er zum Punkt kommt; doch hat er stets einen.

          Damit, das zeigt der Film, steht Karl-Theodor zu Guttenberg nicht allein. Sein Vater, der Komponist, hat den seinen erst im Widerstand gegen seinen Vater entwickeln können, dem die Berufswahl des Filius heftig missfiel. Karl-Theodor zu Guttenberg, der Großvater, war unter Bundeskanzler Kiesinger Staatssekretär im Kanzleramt, Einfädler der Großen Koalition und sah für seinen Sohn eine politische Karriere vor - die dann der Enkel machte. Was dessen Mutter, bei der Vereidigung zum Minister, nichtsdestotrotz "irreal" erschien. Schon "erstaunlich, unser Sohn," sagt sie.

          Drei Generationen dieser Familie stellt Eckhart Querner vor und damit auch weniger bekannte Vertreter der Familie wie Karl Ludwig zu Guttenberg, der ob seines Widerstands im Stauffenberg-Kreis gegen die Nationalsozialisten 1945 hingerichtet wurde. Das ist das politische Erbe, die Haltung, von der Enoch zu Guttenberg spricht, dem im Film die tragende Rolle zukommt. Es setzt sich fort bis zu Stephanie zu Guttenberg, die ob ihres Kampfes gegen Kinderpornographie und ihrer Beteiligung an der Sendung "Tatort Internet" bei RTL 2 zuletzt recht fadenscheinige Kritik erfuhr.

          Diese Familie, das macht der Film klar, unterscheidet sich von anderen nicht dadurch, dass sie dem Adel zugehört, sondern durch ihren Gemeinschafts- und Verantwortungsgeist, weitergegeben von einer Generation zur nächsten. Diese Kraft zur inneren Unabhängigkeit - das ist in einer medial von Oberflächenreizen bestimmten, zur Beliebigkeit tendierenden Welt ein starkes Stück. MICHAEL HANFELD

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