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: Ein seltsamer Ausbruch des Backfischhaften

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Im Zuge der mit der nationalsozialistischen "Machtergreifung" einhergehenden Veränderungen wurde es für Fred von Hoerschelmann immer schwieriger, für den Rundfunk zu schreiben. In einem Brief vom Mai 1933 charakterisierte er die Lage folgendermaßen: "Es ist allerdings eben eine äußerst gefährliche Situation: unter dem Vorwand des Volkstümlichen wird eine Mittelmäßigkeit grossgezüchtet, die geradezu beängstigend ist." Deswegen entschloss er sich 1937, endgültig nach Estland zurückzukehren, wo ihn jedoch 1939 die nationalsozialistische Machtpolitik einholte - Ende Oktober 1939 wurde er in den von der Wehrmacht besetzten Warthegau umgesiedelt.

Elisabeth Noelle begann nach dem Abitur Zeitungswissenschaft, Geschichte und Philosophie in Berlin und Königsberg zu studieren. Persönliche Erfahrungen mit dem Anpassungsdruck der NS-Diktatur hatte sie bereits 1933 bei der Anmeldung im Helmholtz Lyzeum in Göttingen gesammelt: "Ich musste extra mit einer gestrengen Oberschulrätin sprechen, und mich in Argumenten des Dritten Reiches ergehen. Es war nicht gerade nett, aber meine Mission hat Zweck gehabt: Ich bin aufgenommen." Trotz dieses und anderer Erlebnisse wollte sie ihrem Wunsch, Journalistin zu werden, weiter nachleben, auch wenn sie dabei unweigerlich Kompromisse einzugehen hatte und sich äußerlich anpassen musste.

Mit einigen Schwierigkeiten erhielt sie 1937 ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten, wo sie sich an der Journalistenschule der Universität Missouri in Columbia einschrieb. Sie blieb dort eine Fremde unter Fremden und litt unter dem Anpassungsdruck ihrer Kommilitonen und sehnte sich nach einer geistigen Heimat freien gedanklichen Austauschs, die sie in den Briefen an Hoerschelmann fand: "Estland - oder Du - bist für mich fast zum Symbol geworden."

Die Erfahrungen mit dem Konformitätsdruck in der NS-Diktatur und - wohl unerwartet - in der amerikanischen Demokratie trugen dazu bei, dass Elisabeth Noelle während ihres Auslandsaufenthaltes zu ihrem Lebensthema fand: der Erforschung der öffentlichen Meinung. Einschneidend war für sie das Erlebnis, wie Öffentlichkeit selbst unter demokratischen Verhältnissen die Privatsphäre einengen kann: "Die unbedingte Öffentlichkeit, das ist die Versicherung der Menschen hier. Nichts kann vorgehen, das ihnen verborgen bliebe. Dass jeder andere genau wie sie handelt." Überdies bekam sie am eigenen Leib zu spüren, wie es ist, wenn Menschen zur Zielscheibe einer medial orchestrierten Kampagne gemacht werden: "Dazu kommt eine ständige Hetze gegen mich: ausgestreut durch Zeitungen und durch Deutschenhasser in der Universität: Dass ich eine nationalsozialistische Agentin sei, und dass man sich hüten müsse, mit mir zusammen zu sein oder mir womöglich irgendetwas zu glauben. Diese Dinge gehen hinter den Kulissen vor sich und

es ist schwierig für mich, sie zu verfolgen." Diese Erfahrungen verarbeitete sie in ihrer 1940 bei Emil Dovifat geschriebenen Dissertation "Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse".

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