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: Ein Märchen ist's, erzählt von einem Irren

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Was ist eine gute erste Frage? Gute Frage! Gero von Boehm denkt darüber stundenlang nach, manchmal bereitet es ihm eine schlaflose Nacht. Denn auf die erste Frage kommt es an. "Eine gute erste Frage", sagt von Boehm, "ist auf jeden Fall eine, die den Gast nicht langweilt.

          Was ist eine gute erste Frage? Gute Frage! Gero von Boehm denkt darüber stundenlang nach, manchmal bereitet es ihm eine schlaflose Nacht. Denn auf die erste Frage kommt es an. "Eine gute erste Frage", sagt von Boehm, "ist auf jeden Fall eine, die den Gast nicht langweilt. Es muss eine Frage sein, die ihm noch nie gestellt wurde; eine, die das Gespräch sofort in Gang bringt und die Tonalität bestimmt. Sie soll den Gast zu Höchstform auflaufen lassen. Im besten Fall entsteht dann ein Psychogramm. Die erste Frage ist die entscheidende."

          Wie das funktioniert, kann man heute Abend bei 3sat sehen, bei "Gero von Boehm begegnet". Sein Gast ist der Schauspieler und Chansonier Ulrich Tukur, den nichts so schnell aus der Fassung bringt. Von Boehms erste, scheinbar leichte Frage aber tut es: "Wenn Ihr Leben ein Film wäre, was wäre der Titel?" Klingt das banal? Mitnichten. "Das ist eine Frage, die, aus der Pistole geschossen, ich gar nicht im Stande bin zu beantworten", sagt Tukur. Und dann: "Eine lustige Reise durch eine helle Mondnacht." Das ist das Stichwort, das von Boehm für alles Weitere braucht. Und so geht es dann um Musik, Theater, Film, die Aneignung von Rollen auf der Bühne und jene, die man im Leben spielt. Um Lebensorte und Lebensstationen geht es, um Venedig und Hamburg, um ein Türschild und Klingelknöpfe, die wie das Antlitz Hitlers wirken ("Wie kommt Hitler in diese Wand hinein?"), um Rausch, um Melancholie, um Tukurs Elternhaus und um seine Kindheit, in der es keinen "Riss" und die ihm ein Fundament gibt, um den Intendanten Peter Zadek, der Tukur zwang, an seine Grenzen zu gehen, um die Angst, den "Tod der Lächerlichkeit" zu sterben, um die Wertschätzung des glaubensskeptischen Protestanten für die Sinnlichkeit des Katholizismus, um Tukurs Rolle im "Tatort", um Shakespeare und Macbeth, um die letzten Dinge und ob und wenn ja was - vielleicht - danach noch kommt.

          Binnen fünfundvierzig Minuten erfahren wir eine Menge über den Menschen Ulrich Tukur. Er hält keine Platte hoch, er stellt kein Buch und keinen Film vor, es wird nicht promotet, es gibt keine Effekte. Und nach ein paar Minuten haben wir fast vergessen, wem wir das verdanken: Gero von Boehm verschwindet im Dunkel, er hat seinem Gast die Bühne bereitet - im Theatersaal und später in einer Kneipe -, und erst im letzten Aufzug tritt der Impresario wieder auf.

          Rund dreihundert Begegnungen dieser Art hat Gero von Boehm seit 1982 ins Fernsehen gebracht, von 1982 an mit der Sendung "Wortwechsel", seit 2002 in der jetzigen Form. Seine Gästeliste liest sich wie ein Who-is-Who nicht der prolligen Promiszene, die uns ohne Unterlass auf allen Kanälen bestürmt, sondern einer gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Sphäre, die über den Tag hinaus Geltung besitzt. Das reicht von A wie Adlon, Percy bis Z wie Zaimoglu, Feridun. In diesem Jahr traf Gero von Boehm, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Ryuichi Sakamoto, Christoph Schlingensief, Daniel Libeskind, Max Raabe, Patti Smith, Arved Fuchs, Eva Mattes, Ferdinand von Schirach, Joschka Fischer und Hanns Zischler.

          Die Begegnung mit Christoph Schlingensief, sagt von Boehm, bleibe ihm in besonderer Erinnerung. Es war das letzte Fernsehgespräch des Regisseurs vor seinem Tod, und nur um dieses Thema ging es. Das sei auch für seine Tanten, sagte Schlingensief: "Die sollen das sehen, wenn ich tot bin." Die Stunden mit Hans Magnus Enzensberger fallen von Boehm noch auf die Schnelle als besondere ein, in denen der Schriftsteller vom Krieg erzählte und "das Panorama seiner, einer ganzen Generation entwickelte". Hape Kerkeling, der als Mensch hinter dem Komödianten offenbar wurde; oder Norman Mailer, der sich über die erotischen Zeichnungen Picassos beugte, die von Boehm mitgebracht hatte, und über gar nichts anderes mehr reden wollte.

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