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: Ein bisschen Duft nach Untergang

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Byzanz? So geläufig der Name ist - über der Erinnerung an den Ort, an dem die griechisch-römische Antike bis zum 29. Mai 1453 überlebte, scheint ein Fluch zu liegen. Denn obwohl er uns zeitlich näher liegt als das Reich Karls des ...

          Byzanz? So geläufig der Name ist - über der Erinnerung an den Ort, an dem die griechisch-römische Antike bis zum 29. Mai 1453 überlebte, scheint ein Fluch zu liegen. Denn obwohl er uns zeitlich näher liegt als das Reich Karls des Großen, das Imperium Romanum oder das Athen des Perikles, wissen wir von diesen mehr als von ihm, ohne den das Abendland kulturell nicht geworden wäre, was es ist.

          Das Vergessen beginnt schon mit dem Neben- und Durcheinander der Namen: Byzantion hieß die griechische Kleinstadt am Bosporus, die Konstantin der Große 326 zur Hauptstadt des Ostens wählte, als er beschloss, das Imperium in einen östlichen und einen westlichen Teil zu trennen. Nun Konstantinopel, wurde aus dem Nest die Weltstadt, Standort der 537 geweihten Hagia Sophia, der bis ins sechzehnte Jahrhundert größten Kirche der Christenheit, Zentrale des Byzantinischen Reichs, das Griechenland, Kleinasien, Teile Palästinas und Ägyptens, den Balkan und Italien umfasste, um am Ende kaum noch das Stadtgebiet Konstantinopels zu überschreiten. Erobert von Mehmed II., kurz Kostantiniyye, dann (aber erst 1930 offiziell) Istanbul genannt, wurde aus dem Bollwerk der christianisierten, griechisch-römischen Welt schließlich das Synonym türkischer Kultur.

          Eines aber weiß bei allen Namens- und sonstigen Wirren jedes hiesige Kind: dass die Hagia Sophia 1453 zur Moschee wurde, wobei ihre legendären goldfunkelnden christlichen Mosaiken unter Tünche und Koransprüchen verschwanden. Wem hierzulande unterlaufen beim Gedanken daran keine Ressentiments? Zumal da wir zwar wenig von Byzanz wissen, aber fast alle Stefan Zweigs Episode aus "Sternstunden der Menschheit" kennen, die genialische Schilderung der islamischen Eroberung des christlichen Konstantinopel.

          Selten ist das Ende einer Kultur in Angst und Schrecken, sind die unermesslichen Verluste an Wissen und Kunstfertigkeiten, Schätzen und Denkmälern so eindringlich geschildert worden. Deshalb weht einen, wenn man nun durch die Bonner Bundeskunsthalle schlendert, bei jedem der auserlesenen Ausstellungsstücke dieser Untergang an. Doch die Schau hat Hintertüren für Fakten, die es selbstgefälliger Wehmut schwermachen. Wie die legendäre "Kerkaporta", jene unverschlossene vergessene Schlupfpforte in Konstantinopels uneinnehmbaren Mauern, durch die die Janitscharen eindrangen, öffnen in Bonn Kommentare sich Zweifeln an der westlichen Sicht: Die Osmanen, so ist zu erfahren, kamen nicht nur als beutelüsterne Mordbrenner. Mehmed II. bewunderte die Bau- und Kunstwerke der Stadt, schonte viele, achtete die dort versammelte Gelehrsamkeit, rettete nach dem Sturm, was zu retten war.

          Zudem hatte der Sultan ein entvölkertes Riesengebilde erobert, in dem ganze Stadtviertel leer gestanden hatten, Kirchen und Klöster moderten, Häfen versandet und Aquädukte versiegt waren. Er sorgte mit Bauprogrammen und Aufrufen an seine Landsleute, aber auch an Juden und Christen, denen er erstaunlich viele Synagogen und Kirchen überließ, für Wiederbevölkerung. Erst später minimierte sich deren Zahl und verschwand Konstantinopel, nun nur noch ein Steinbruch, unter dem islamischen Istanbul, bis allein die erbärmlich geschiente, porphyrne Riesensäule Konstantins an den einstigen Glanz von Byzanz erinnerte.

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