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: Die Vermessung der Unabhängigkeit

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Lateinamerika erlebt einen Unabhängigkeitsrausch. Fast überall wird daran erinnert, dass weite Teile der Region vor zwei Jahrhunderten begannen, sich von den Kolonialmächten zu lösen. Der Prozess der Unabhängigkeitswerdung verdichtet ...

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          RIO DE JANEIRO, im August

          Lateinamerika erlebt einen Unabhängigkeitsrausch. Fast überall wird daran erinnert, dass weite Teile der Region vor zwei Jahrhunderten begannen, sich von den Kolonialmächten zu lösen. Der Prozess der Unabhängigkeitswerdung verdichtet sich an gewissen Zeitpunkten auf engstem Raum, um zugleich wieder in der Zeitlosigkeit zu zerfallen. Welche "Unabhängigkeit" wird da begangen? Die Goethe-Institute Südamerikas haben sich nicht erst die Mühe gemacht, mitzufeiern. Sie versuchen vielmehr, mit der Kunst als Messlatte Raum und Zeit des Unabhängigkeitsprozesses in einzelnen Ländern Lateinamerikas auszuloten. Mit den Vermessungsarbeiten ist Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro und zweimalige Kurator der Biennale in São Paulo, beauftragt. Die Ergebnisse sind in den großen Städten Südamerikas noch bis 2011 zu besichtigen, kürzlich in Buenos Aires und derzeit in Rio de Janeiro.

          Ausgerechnet in Brasilien, das unter seinen Kaisern einen anderen Loslösungsprozess von Portugal durchgemacht hat als die ursprünglich zur spanischen Krone gehörenden Länder, scheint das Interesse an dem Projekt besonders groß. In Rio ist es gegenwärtig an zwei Orten präsent, in der Ausstellungshalle einer Telefongesellschaft, und, besonders symbolträchtig, im ersten und bislang einzigen Museum in einer Favela, dem Museu da Maré, in der Nähe des Flughafens Galeão. In den von der Unabhängigkeitsfeierei heimgesuchten spanischsprachigen Ländern wie Argentinien hat die Schau, die zum großen Teil aus Video-Installationen besteht, Besucher und Kritiker verunsichert. Aber das war auch beabsichtigt.

          Alfons Hug hatte zusammen mit seinen Institutsleiterkollegen deutsche und lateinamerikanische Künstler durch die Region geschickt, um Messpunkte für die Unabhängigkeitswerdung zu erhalten. Es entstand ein virtuelles Labyrinth, in dem hinter der nächsten Ecke die Vergangenheit der Gegenwart lauert und die Zukunft den Besucher mit Trugbildern foppt. Den Ausweg bot in Buenos Aires Borges' ins Nichts führende Himmelsleiter, die der kolumbianische Künstler Juan Fernando Herrán aus Abfallholz und einer argentinischen Metapher gebaut hatte: "Aus jedem Labyrinth entkommt man nach oben."

          Die Argentinierin Leticia El Halli Obeid zeigt, was aus den Visionen des Befreiers Simón Bolívar geworden ist. Sie hat eines der wichtigsten Unabhängigkeits-Dokumente, seinen berühmten "Brief aus Jamaika", den er 1815 im selbstgewählten Exil Jamaika verfasste, in einem heruntergekommenen Vorortzug von Buenos Aires passagenweise abgeschrieben und lässt dazu Bilder eines trostlosen Lands vorüberziehen, Elendsquartiere am zugemüllten Bahndamm, streunende Hunde, zu Ruinen verkommene Bahnhöfe.

          Der Bolívar-Brief gibt in Rio de Janeiro den beiden Ausstellungen sogar den Titel. Noch ein Stück wagemutiger ist dem Dokument der venezolanische Videokünstler Alexander Apóstol zu Leibe gerückt. Er ließ den Brief von Landsleuten im englischen Original in einem schäbigen Büroraum vorlesen. Der Text, der den Wunsch nach dem Aufbau einer einzigen großen lateinamerikanischen Nation in hehre Worte fasst, verliert dabei jeden Sinn, weil die Vorleser ihn nicht verstehen. Drastischer als in diesem Videoclip lässt sich kaum darstellen, wie in Venezuela, wo der seit elf Jahren regierende Präsident Hugo Chávez mit seiner "bolivarischen Revolution" einen bizarren Personenkult als selbsternannter Erbe Bolívars inszeniert und dessen Namen missdeutet und missbraucht.

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