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: Die richtige Perspektive Böll-Stiftung beurteilt deutsche China-Berichte

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Ist das China-Bild der deutschen Medien ideologisch? Dem Verdacht, den offizielle chinesische Stellen nicht müde werden zu wiederholen, wollte die Heinrich-Böll-Stiftung auf den Grund gehen und hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben, die sie am Montag vorstellen wird.

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          PEKING, 10. Juni

          Ist das China-Bild der deutschen Medien ideologisch? Dem Verdacht, den offizielle chinesische Stellen nicht müde werden zu wiederholen, wollte die Heinrich-Böll-Stiftung auf den Grund gehen und hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben, die sie am Montag vorstellen wird. Die beiden Kommunikationswissenschaftler Carola Richter (Erfurt) und Sebastian Gebauer (Essen-Duisburg) haben sämtliche Beiträge über China analysiert, die 2008, also im Jahr der tibetischen Unruhen und der Olympischen Spiele, in drei Tageszeitungen ("taz", "Süddeutsche" und diese Zeitung), drei Wochenpublikationen ("Spiegel", "Focus" und "Zeit") sowie den Informationssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens veröffentlicht wurden. Was sie feststellten, war erst mal die außergewöhnlich große Menge der Beiträge (8766, davon "vertiefend" 3998 Stück), die gleichmäßige Verteilung auf alle Ressorts und, entgegen dem Pekinger Stereotyp, ein "gewisser Binnenpluralismus", wenigstens in einigen der untersuchten Medien.

          Zugleich kritisierten die Wissenschaftler allerdings ein häufiges Vorkommen denunzierender Floskeln ("gelbe Gefahr") und nicht weiter begründeter, da auf ein allgemeines Einverständnis rechnender Klischees wie "Klimasünder" oder "Billigproduzent". Insbesondere der Tibet-Konflikt, bei dem anfangs trotz ungeklärter Nachrichtenlage fast unisono eine gewaltsame Unterdrückung der Unruhen durch China unterstellt wurde, habe ein "vorgefertigtes Meinungsbild" offenbart. Damit einher sei eine Beschränkung auf konflikt- und gewaltträchtige Themen wie Menschenrechte, Dissidenten und die Situation von Minderheiten gegangen, während die systemischen Bedingungen und die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse des Landes ebenso wenig berücksichtigt worden seien wie die Vielfalt der handelnden Akteure.

          Die Studie führt das zum einen auf eine allgemein geltende "Medienlogik" zurück, die nun einmal mehr an Negativem als Positivem interessiert sei und die in der Aufdeckung kritikwürdiger Zustände ja auch eine wichtige öffentliche Funktion habe. Zum anderen aber wittert sie dahinter eine "eurozentristische Perspektive", die nur das wahrnehmen wolle, was "von besonderem Interesse für das Zielland" erscheint. Insbesondere bei der Afrika- und bei der Klimadebatte hätten die Vorstellung einer Systemkonkurrenz mit China und die Angst, am Ende als Verlierer dazustehen, die Berichterstattung beeinflusst.

          Doch kann man eine solche "Selbstzentrierung" den Medien tatsächlich vorwerfen? Gehört es nicht zu den Voraussetzungen jeder Vermittlung, dass ein Bezug der reinen Nachricht zu den Vorverständnissen, Perspektiven, also auch Ängsten des jeweiligen Publikums hergestellt werden muss? Dass das Erstarken Chinas das Gefüge der bisherigen Weltordnung verändert und damit vermutlich auch die Rolle der europäischen - und deutschen - Wirtschaft, Politik und Kultur: Diese Bewusstseinstatsache ist ohne Zweifel und mit Recht ein Grund für das vermehrte öffentliche Interesse an dem Land. Die Frage ist doch vor allem, ob es gelungen ist, diese eigene Perspektive mit zu reflektieren.

          Bei der Beantwortung dieser Frage bleibt die Beobachtung der Beobachter hinter ihrem Anspruch zurück. Die Studie findet keinen Weg, ihre quantitative Erfassung der Beiträge stringent mit einer inhaltlichen Analyse zu verknüpfen. Allenfalls einzelne Sätze werden aus den Sendungen und Artikeln zitiert, nicht aber ihre Argumentation im Zusammenhang nachgezeichnet.

          So erscheint etwa das Menschenrechtsthema als einheitlicher Komplex, der einem systemischen Verständnis Chinas tendenziell im Wege stehe. Eine solche Annahme aber setzt ihrerseits ein ideologisches Verständnis von Menschenrechten voraus. In Wirklichkeit lassen sich ohne die mit dem Stichwort "Menschenrechte" aufgeworfenen normativen Fragen auch die übrigen Themen der Politik-, Gesellschafts- und Ideenentwicklung schwerlich behandeln, die zwischen China und dem Westen heute eine Rolle spielen. Allein die Häufigkeit dieses Themas zu konstatieren beantwortet die Frage nach dem Ideologieverdacht also nicht. Erst die Fähigkeit, sich über die eigene Rolle Rechenschaft abzulegen, also auch die Vorverständnisse und Interessen mitzubedenken, von denen aus andere dargestellt und beurteilt werden, würde darüber entscheiden.

          Ohne eine solche Selbstkontextualisierung blieben sogar die beherzigenswerten Empfehlungen der Studie - die Arbeitsbedingungen der Korrespondenten zu verbessern (gerichtet an die Adresse der chinesischen Behörden), das Themenspektrum zu erweitern, grundsätzliche Fragen jenseits der Tagesaktualität aufzugreifen, die Kooperation zwischen Medien und Wissenschaft auszubauen - unvollständig. Es ist ein Anspruch, der die Wissenschaft mit einschließt. MARK SIEMONS

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