https://www.faz.net/-1vs-zf4k

Die Komponistin Unsuk Chin : Heimat hinter den Spiegeln

  • Aktualisiert am

Bei Komponisten aus asiatischen Ländern wird gern nach den Ursprüngen ihres Komponierens gefragt. Gibt es, bei oft dominierenden westlichen Einflüssen ästhetischer oder auch nur technischer Art, noch Rückkoppelungen zur musikalischen ...

          3 Min.

          Bei Komponisten aus asiatischen Ländern wird gern nach den Ursprüngen ihres Komponierens gefragt. Gibt es, bei oft dominierenden westlichen Einflüssen ästhetischer oder auch nur technischer Art, noch Rückkoppelungen zur musikalischen Kultur des jeweiligen Heimatlandes? Unsuk Chin sieht das eher kühl. Koreanische Wurzeln gibt es für sie nicht. Sie wüsste auch nicht, wo sie diese auffinden könnte. Und ihre koreanischen Kollegen sieht sie eher skeptisch: Diese kopieren, wie einst sie selbst, westliche Vorbilder. Dies genüge aber nicht; ein Künstler, sagt sie, müsse zu einer eigenen Identität finden, was oft ein langer Prozess ist. Als sie selbst anno 1985 zu György Ligeti nach Hamburg kam und ihm ihre seriellen Fleißarbeiten zeigte, soll dieser die Notenblätter kurzerhand zerrissen haben. Zu viel Kopie, zu wenig Eigenes, befand der neue Lehrer. In späteren Interviews hat sich Unsuk Chin dann offen, fast treuherzig über ihre frühe Kopistenrolle geäußert: Von ihrem koreanischen Lehrer in Seoul hatte sie viel über die westliche Avantgarde erfahren, vor allem über Stockhausen, dessen Komponieren sie faszinierte. Sie habe daraufhin erst einmal vieles kopiert, weil sie glaubte, auf diese Weise zu einer individuellen Musiksprache zu gelangen.

          Das alles ist längst Vergangenheit. Unsuk Chin, 1961 in Seoul geboren, gehört heute zu den profiliertesten Komponisten der Neuen Musik - bewusst sei einmal die weibliche "-in"-Form vermieden, die immer den Begriff "Frauenmusik" assoziieren lässt. Unsuk Chin benötigt, wie etliche gestandene Kolleginnen, kein "Frauenfestival", um ihre Musik zu Gehör zu bringen. Die besten Orchester der Welt, die renommiertesten Avantgarde-Musiker, vom Ensemble Intercontemporain bis zu den Ardittis, und alle Neue-Musik-Festivals, von Donaueschingen bis "Ultraschall", geben Werke bei ihr in Auftrag. In Deutschland, wo ihre Musik, im Vergleich etwa zu Frankreich, erst mit einiger Verzögerung bekannter geworden ist, bedeutete die Uraufführung ihrer Oper "Alice in Wonderland" an der Bayerischen Staatsoper München 2007 so etwas wie einen Durchbruch. Seither ist Unsuk Chin auch einem breiteren Publikum bekannt geworden. Und entsprechend rasch wächst nun die Zahl der CD-Einspielungen. Jetzt ist gerade ein Album mit vier Kompositionen Unsuk Chins herausgekommen, die im Zeitraum von 1991 bis 2002 entstanden sind: die "Fantaisie mécanique" für Trompete, Posaune, zwei Schlagzeuger und Klavier, das große Ensemblestück "Xi" (mit Elektronik), das "Akrostichon-Wortspiel" für Sopran und Ensemble sowie das "Double Concerto" für Präpariertes Klavier, Schlagzeug und Ensemble (Kairos Music Production KAI 013062, im Vertrieb von harmonia mundi). Die Frankreich-Nähe der Komponistin ist schon daran zu erkennen, dass bei allen vier Werken das Pariser Ensemble Intercontemporain beteiligt ist, es spielt unter vier verschiedenen Dirigenten: Wer Patrick Davin, David Robertson, Kazushi Ono und Stefan Asbury kennt, weiß, dass hier Interpretationen auf höchstem Niveau vorliegen. Die Verbindung von improvisatorischem Gestus und formaler Stringenz in der "Fantaisie mécanique" bei gleichzeitig scharf konturierter Klangauffaltung gelingt den fünf Spielern unter Patrick Davin mustergültig. In der über zwanzig Minuten währenden Komposition "Xi" beeindruckt die enge, gleichsam nahtlose Verschmelzung instrumentaler und elektronischer Klänge: Aus kleinsten klanglichen Zellen "organisiert" Unsuk Chin eine weite, umfassende Form in Gestalt eines "Bogens". Dieses Verfahren, einer Metamorphose ähnlich, findet sich auch im "Doppelkonzert", wo

          die impulsgebenden Einzelinstrumente mit dem Ensemble immer dichter zu einer Klangeinheit zusammenwachsen. "Ich wollte eine Musik schreiben, die sehr farbig im Charakter und im Ausdruck ist, frei fließend und beweglich, und die sich mitunter in gänzlich unerwartete Richtungen entwickelt", sagt die Komponistin dazu. In dem frühen Werk "Akrostichon-Wortspiel", komponiert auf Texte aus Michael Endes "Die unendliche Geschichte" und Lewis Carrolls "Alice hinter den Spiegeln", beeindruckt die Fähigkeit Unsuk Chins, Text-Bruchstücke, einzelne Wörter und Silben so in Musik zu übersetzen, das eine neue, gleichrangige Erzähl- und Bedeutungsebene entsteht.

          Anders als etwa Toshio Hosokawa, der im Alter immer stärker mit seinem Komponieren in die japanische Tradition zurückkehrt, diese mit seinem westlich orientierten Instrumentalstil verschmelzend, hat sich Unsuk Chin einen eigenen Freiraum erschaffen, in dem Traumerlebnisse, Zeitgestaltungen und Klangerforschungen die musikdramaturgischen Hauptrollen spielen. Manchmal aber, wenn Unsuk Chin mit ihren oft unendlich dahinfließenden Klangfarben gleichsam "jongliert" und hochdifferenzierte rhythmische Strukturen übereinanderschichtet, lange Repetitionen einfügt, dann gewinnt man den Eindruck eines quasi statischen Elements in ihrer Musik, das vielleicht doch zurück nach Asien weist.

          Gerhard Rohde

          Topmeldungen

          Stefan Löfven am Montag , 21. Juni, in Stockholm

          Nach dem Misstrauensvotum : Wie es in Schweden weitergeht

          Ein unwahrscheinliches Bündnis spricht dem schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven das Misstrauen aus. Der muss nun den nächsten Schritt machen. Er hat eine Woche Zeit.
          So sieht ein Sieger aus, der nicht weiß, ob es zum Weiterkommen reicht: Xherdan Shaqiri

          Komplizierter EM-Modus : Alle Schweizer Wege führen von Rom weg

          Sonntagabend gewinnen und erst 75 Stunden später wissen, ob es fürs Weiterkommen reicht: Der EM-Modus ist nicht nur kompliziert, sondern auch unfair, wie das Beispiel der Schweizer zeigt. Ein Rechenspiel.