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: Deutscher Müll ist nicht erwünscht

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Der groß angekündigten Berliner Schau "Who knows tomorrow" ist mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler ihr Schirmherr abhandengekommen. Schon vor Jahren kam die Initiative für eine lehrreiche Kunstausstellung aus dem ...

          Der groß angekündigten Berliner Schau "Who knows tomorrow" ist mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler ihr Schirmherr abhandengekommen. Schon vor Jahren kam die Initiative für eine lehrreiche Kunstausstellung aus dem Bundespräsidialamt, angestoßen vom Afrika-Spezialisten Bartholomäus Grill. Vor diesem Hintergrund muss das Großprojekt der Nationalgalerie gesehen werden, bei dem nun fünf international renommierte Künstler mit afrikanischen Wurzeln oder afrikanischem Hintergrund die Neue und Alte Nationalgalerie, die Friedrichswerdersche Kirche und den Hamburger Bahnhof bespielen. Udo Kittelmann und Britta Schmitz haben die Schau gemeinsam mit dem in Princeton lehrenden nigerianischen Kunstwissenschaftler Chika Okeke-Agulu kuratiert. Die Fehler früherer monogeographischer Gruppenausstellungen wie "Afrika Remix" vor sechs Jahren in Düsseldorf, die bloß bunt und schrill "afrikanische Kunst" addierte, wollte man vermeiden. Stattdessen entschied man sich für eine begrenzte, aber präzise Auswahl.

          Der von Kolonnaden umgebene, hoch aufgesockelte Portikus der Alten Nationalgalerie von 1871 ist wirkmächtig funkelnd verhängt. Der ghanaische und heute in Nigeria lebende und lehrende Künstler El Anatsui hat hier einen Eingriff ins Stadtbild vorgenommen: Seine metallenen Textilien, bestehend aus Aluminiumverschlüssen von Getränken und Blechdosenteilen, hinterfragen die skulpturalen Personifikationen der Kunst und der Poesie vor dem Museum. Sein monumentales Gewebe bezieht sich unter anderem auf die feinen, königlich-bunt bedruckten Kente-Stoffe aus Ghana. Die unzähligen kleinen Metallteile, von El Anatsuis Assistenten gesammelt und nach Farben sortiert, stammen von Alkoholflaschen und Dosen, für El Anatsui eine Metapher für das gewinnträchtige Kolonialgeschäft: Eines der deutschen Hauptexportgüter in die Kolonien war Schnaps.

          Sisal, ein aktuelles Handelsgut Afrikas für Europa, zeigt Zarina Bhimji in ihrer Videoarbeit, die im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Die Künstlerin - 2002 Teilnehmerin an der von Owkui Enwezor kuratierten Documenta 11 - wurde als Tochter indischer Einwanderer in Uganda geboren und floh als Kind mit ihrer Familie vor dem Regime Idi Amins nach London. "Waiting" heißt ihr 2006 im kenianischen Mombasa gedrehter siebenminütiger Film über Sisal-Verarbeitung in einer alten Fabrik. Seit Beginn des Öko-Booms wächst im Westen der Bedarf an dem Material. Doch der Staub, der bei der Bearbeitung entsteht, ist hochgradig gesundheitsschädlich. In Bhimjis leuchtenden Filmeinstellungen jedoch, die mit esoterisch-synthetischer Sphärenmusik unterlegt sind, verschwindet ihr aktivistischer Ansatz völlig.

          Lieblos hingeweht präsentiert sich auch die Arbeit des vielbeschäftigten, in Belgien lebenden Kameruners Pascale Marthine Tayou. Auch er ist Documenta-11- Künstler. Seine "African Erection" umspielt die Terrasse der Neuen Nationalgalerie, den transparenten Bau Mies van der Rohes, ehemals Ikone der jungen neuen Bundesrepublik: 53 Flaggen mit den Farben der Nationen der Afrikanischen Union sind gehisst; eine Arbeit, die Tayou seit einem Jahrzehnt variiert, hier angereichert mit vereinzelt umherstehenden Colon-Figuren. Die Skulpturen werden oft als Touristensouvenirs und "Airport Art" missverstanden. Eigentlich aber sind sie, in der Epoche der Kolonialzeit entstanden - denn darauf bezieht sich der Begriff "Colon" -, ein wichtiger Bestandteil der afrikanischen Kunstgeschichte.

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