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: Der Tag, als die Kugel aus dem All fiel

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Nein, niemand ist ermordet worden, und auch sonst wurde kein scheußliches Verbrechen verübt. Gleichwohl ist es eine der ersten Tätigkeiten, denen die Männer aus den soeben gelandeten Hubschraubern nachgehen - den Platz des Geschehens wie einen Tatort abzusperren.

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          KARAGANDA, im April

          Nein, niemand ist ermordet worden, und auch sonst wurde kein scheußliches Verbrechen verübt. Gleichwohl ist es eine der ersten Tätigkeiten, denen die Männer aus den soeben gelandeten Hubschraubern nachgehen - den Platz des Geschehens wie einen Tatort abzusperren. Den Platz in der kasachischen Steppe, an dem, zur Seite gekippt, das Raumschiff Sojus TMA-13 mit dem russischen Kosmonauten Jurij Lontschakow und dem amerikanischen Astronauten Michael Fincke liegt. Und mit Charles Simonyi, der das zweite Mal die Internationale Raumstation ISS als Weltraumtourist besucht hat. Schon ist die Luke des Raumschiffs mit dem großen Schlüssel geöffnet worden. Aber es dauert noch, bis die drei Raumfahrer aus ihrem engen Käfig befreit sind und sich auf den mitten in die Steppe gesetzten Sesseln ein wenig erholen können - von den Strapazen des Weltraumflugs, der für Lontschakow und Fincke immerhin ein halbes Jahr gedauert hat, und der Tortur der Rückkehr, bei der sie eine Zeitlang der rund vierfachen Erdschwere ausgesetzt waren.

          Gut zwanzig Minuten vorher hatte sich, gut sichtbar von der baum- und praktisch auch strauchlosen Steppe aus, der Hauptfallschirm geöffnet. Nun wird alles gut, sagt Igor aus dem Sternenstädtchen bei Moskau, dem Trainingszentrum der Kosmonauten, der dabei an einen seiner Freunde denkt: Im Jahr 2003 war dieser bei einem der nicht nach Plan verlaufenden Landeanflüge - wie es sie gelegentlich gibt - der achtfachen Erdschwere ausgesetzt gewesen, was einen für Menschen schier unerträglichen Betrag darstellt.

          Wenn Sojus-Raumschiffe zur Erde zurückkehren, müssen die Besatzungen auf alles gefasst sein. Im Sternenstädtchen kursiert die Geschichte der Sojus-Mannschaft, die nach der Landung ein Schaukeln der Kapsel verspürte. Die Kosmonauten glaubten, auf einem See gewassert zu sein. Als sie aussteigen wollten, bemerkten sie jedoch, dass sich der Fallschirm in einer Baumkrone verhakt hatte und die Kapsel in der Luft hing. Und der Baum stand dicht neben einem dreihundert Meter in die Tiefe reichenden Abgrund.

          Im vorausberechneten Landegebiet von Sojus TMA-13 hatte vor einer knappen halben Stunde, kaum war der geöffnete Fallschirm in Sicht gekommen, Hektik um sich gegriffen. Und dann begann eine skurrile Wettfahrt quer durch die Steppe. Einmal fliegen wegen einer Unebenheit, auf die der Fahrer keine Rücksicht nimmt, alle Köpfe an die Decke des Wagens. Wir erreichen eine kleine Anhöhe, hinter der sich eine zweite befindet, und kurz dahinter sinkt die Kapsel zur Erde, wo sie aber erst nach einem Hüpfer von zwanzig Metern zur Ruhe kommt. Das verraten später die Spuren.

          Nach ungefähr siebzehn Kilometern, die wir in nicht viel mehr als zwanzig Minuten zurücklegen - das vom Wind getriebene Raumschiff hat nur etwa zehn Minuten für die Strecke gebraucht -, stoßen wir auf unerwartete, aber nicht unüberwindliche Hindernisse: eine Landstraße und eine Eisenbahnstrecke, die auf einer Brücke einen kleinen Wasserlauf überquert. Dass die Landung so nahe der Zivilisation erfolgen würde, war der Prognose, die den Wind nicht berücksichtigen konnte, nicht zu entnehmen gewesen.

          Nach nur weiteren zweihundert Metern haben wir das Ziel erreicht. Was wir sehen, ist eine offenbar ganz außerhalb von Raum und Zeit angesiedelte Szene. Statt mit Hightech konfrontiert zu werden, starren wir auf eine von der Reibungshitze in der Atmosphäre verkohlte glockenförmige Kapsel, die eher in den Film "Die Frau im Mond" von Fritz Lang passte. In der damaligen Science-Fiction-Welt haben die Raumfahrer ihre Kapsel im Allgemeinen aber stolz und aufrecht verlassen. Davon kann in der heutigen Bezugswelt keine Rede sein.

          Der Kommandant Lontschakow ist bereits von den Mannschaften der Hubschrauber, die als Erste zur Stelle waren, aus der Kapsel herausgezogen worden. Er sitzt, noch ziemlich erschöpft, auf einem der drei bereitgestellten Sessel. Ihn zu befreien war noch vergleichsweise einfach, hatte er im Raumschiff doch den Mittelsitz innegehabt. Nun wird erst einmal allerhand Gepäck geborgen - darunter Blut- und Urinproben aus der Raumstation. Würde man Lontschakow jetzt einen Apfel zuwerfen, er würde ihn nicht fangen. Nach einem halben Jahr Schwerelosigkeit sind die Koordinierungsprobleme auf der Erde zu groß.

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