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: Der Prozess als Fortsetzungsroman

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Der in Tel Aviv geführte Prozess um den Max-Brod-Nachlass erregt internationales Aufsehen, weil er womöglich auch unbekannte Texte von Franz Kafka betrifft. Chava Hoffe und Ruth Wiesler, die beiden hochbetagten Töchter von Brods ...

          JERUSALEM, 13. Januar

          Der in Tel Aviv geführte Prozess um den Max-Brod-Nachlass erregt internationales Aufsehen, weil er womöglich auch unbekannte Texte von Franz Kafka betrifft. Chava Hoffe und Ruth Wiesler, die beiden hochbetagten Töchter von Brods langjähriger Sekretärin Esther Ilse Hoffe, treten vor Gericht als Erbinnen des Nachlasses auf (F.A.Z., zuletzt am 6. Oktober 2009). Nachdem der Tel Aviver Journalist Ofer Aderet über die Vernachlässigung der Dokumente geschrieben hatte, erhob die Jerusalemer Nationalbibliothek gerichtlichen Einspruch und verlangte als Schutzbehörde israelischer Kulturgüter Einblick in den Nachlass. Und auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach meldete Ansprüche an. Für zwei Millionen Dollar hatte es von Chava Hoffe bereits das Manuskript des Romans "Der Prozess" erworben und berief sich nun auf eine alte Zusage Brods, der weitere Stücke aus dem Nachlass zugesagt habe.

          Bislang drehte sich der Streit um die Frage, ob sich in den Händen der Töchter auch Texte und Dokumente Kafkas befinden, die nicht zu Brods Nachlass gehören und daher nicht zur Erbschaft zählen. Das lässt sich nur über eine Inspektion der in- und ausländischen Bankfächer feststellen, in denen die wertvolleren Stücke lagern. Die Erbinnen wollen das verhindern. Jetzt hat der Verwalter des Hoffe-Nachlasses Schmulik Cassuto zwei Urkunden vorgelegt: die Fotokopie eines Briefs von Max Brod an Esther Hoffe über die Schenkung der Kafka-Manuskripte vom 12. März 1947 und eine Bestätigung der Schenkung vom 2. April 1952. "Bereits im Jahre 1945", so heißt es im deutschen Original des Dokuments, das Aderet in hebräischer Übersetzung jetzt in "Ha'aretz" veröffentlicht, "habe ich Dir alle Manuskripte und Briefe Kafkas, die mir gehören, geschenkt." Es folgt eine Liste der Bestände, darunter ein Typoskript der "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande", das der Forschung unbekannt ist.

          Mit den Urkunden wollen die Erbinnen belegen, dass die Manuskripte und Dokumente von Franz Kafka nicht zum umstrittenen Brod-Nachlass gehören, sondern schon lange davor in den Besitz ihrer Mutter übergegangen sind und daher auch den laufenden Prozess nicht berühren. Auf diese Weise soll die Öffnung der Bankfächer verhindert werden: Sollten sich dort Kafka-Texte finden, gingen sie das Gericht nichts an. Erstaunlich ist, dass sich auch das Literaturarchiv Marbach der Öffnung der Bankfächer widersetzt. Es teilte dem Gericht in Tel Aviv mit, dass eine Sichtung von unberufener Seite zu Schäden führen könnte und die Zusage des Archivs an die Erbinnen, ihnen Brods Nachlass abzukaufen, im Falle eines gerichtlichen Zugriffs auf die Bankfächer gefährdet sei.

          Die beiden Schenkungsurkunden aus den Jahren 1947 und 1952 liegen bislang nur als Fotokopie vor. Cassuto gibt an, die Originale seien nicht gefunden worden. Sie dokumentieren vor allem ein nicht mehr zu lösendes Geheimnis: Warum soll Max Brod mehr als zwanzig Jahre vor seinem Tod Handschriften und Briefe seines besten Freundes an eine Frau verschenkt haben, die Kafka nie gekannt hat; und

          warum bestätigte er ihr dies nach wenigen Jahren noch einmal? JAKOB HESSING

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