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: Der Minister ist nackt

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Die erste Frage, die jeden an diesem Comic interessiert, sei gleich beantwortet: Ja, alles, was darin über die Arbeit im französischen Außenministerium erzählt wird, beruht auf Insiderwissen. Hinter Abel Lanzac, der als Szenarist ...

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          Die erste Frage, die jeden an diesem Comic interessiert, sei gleich beantwortet: Ja, alles, was darin über die Arbeit im französischen Außenministerium erzählt wird, beruht auf Insiderwissen. Hinter Abel Lanzac, der als Szenarist (also Verfasser) der Geschichte ausgewiesen ist, verbirgt sich ein aus gutem Grunde anonym bleibender langjähriger Pariser Ministerialmitarbeiter, der im Quai d'Orsay, dem französischen Auswärtigen Amt, beschäftigt war, als Dominique de Villepin, der spätere Ministerpräsident, dort von 2002 bis 2004 als Minister wirkte.

          Das hätte man sich denken können, wenn man sieht, wie in dem Comic jener hochaufgeschossene Politiker namens Alexandre Taillard de Vorms auftritt, der hier als Außenminister inszeniert wird: mit Villepins Eleganz, Eitelkeit und vor allem Gestik. Keine schöneren Sequenzen als jene, in denen der Zeichner Christophe Blain seine Hauptfigur dabei zeigt, wie sie ihren Redenschreibern die erwünschten Schlagworte einpaukt: "Legitimität! Einheit! Effizienz!" Zu den ersten beiden Begriffen stapelt er mit den Händen den imaginären Argumentationsablauf auf: "Taca Taca Tac!", und noch einmal "Taca Taca Tac!", ehe er dann zum Stichwort "Effizienz" die Handflächen wie kappende Klingen gegeneinanderführt: "Tchac Tchac Tschac!"

          "Quai d'Orsay - Chroniques diplomatiques", erschienen beim Verlag Dargaud, ist der Comic dieses Sommers in Frankreich, und leider dürfte nicht allzu viel Hoffnung bestehen, dass man ihn auch auf Deutsch wird lesen können. Für das französische Publikum sind die zahlreichen Anspielungen auf die Pariser Politik eine Quelle nie versiegenden Vergnügens - und ein zynischer Trost angesichts des allseits empfundenen Niedergangs der Regierungsqualität unter Präsident Sarkozy. Es hätte alles noch schlimmer kommen können, scheint "Quai d'Orsay" zu verkünden, wenn Villepin sich vor drei Jahren beim Rennen um die Präsidentschaft gegen den innerparteilichen Rivalen Sarkozy durchgesetzt hätte: Lanzac und Blain zeigen einen Windmacher, der nur im eigenen Haus Stürme entfesselt, während er auf diplomatischem Parkett und gegenüber dem Präsidenten nicht mehr zu bieten hat als ein laues Lüftchen.

          Nun ist die Zufriedenheit mit der Politik auch in Deutschland derzeit nicht eben groß, doch die im Comic so grandios vorgeführte Selbstherrlichkeit von Taillard de Vorms und das allgemeine Buckeln gegenüber dem jeweils Höheren in der politischen Hierarchie benötigt den spezifischen französischen Kontext, um die schneidende Bosheit spüren zu lassen, die "Quai d'Orsay" auszeichnet. Hatte der vierzigjährige Christophe Blain als einer der erfolgreichsten Zeichner des letzten Jahrzehnts mit seinem historischen Comic "Isaak der Pirat" und der Westernparodie "Gus" (beide Serien sind auf Deutsch bei Reprodukt erschienen) noch vertraute Genres bedient, so legt er nun eine Satire vor, die in ihrer Schärfe an die Tradition eines Magazins wie "Le Canard enchainé" anknüpft, das oftmals in fiktiver oder polemischer Verkleidung die unangenehmsten Fakten aus dem Pariser politischen Betrieb aufgedeckt hat.

          Dass Blain sich dazu des geheimnisvollen Insiders Abel Lanzac als Szenaristen bediente, obwohl der Zeichner zuvor mit eigenen Stoffen so erfolgreich war, ist der Brisanz des Inhalts zweifellos zugutegekommen. Nicht, dass hier Enthüllungen über konkrete politische Entscheidungen unter Außenminister Villepin gemacht würden (obwohl die Leitlinien seiner beiden Jahre als Außenminister spöttisch aufgenommen werden). Was indes entblößt wird, ist die nackte Arroganz der französischen Politik. Aus der Perspektive des jungen, eher links eingestellten Doktoranden Arthur Vlaminck, der vom konservativen Taillard de Vorms als Redenschreiber engagiert wird, erweist sich der ministerielle Betrieb als gewaltiges Chaos, in dem die Vernunft regelmäßig dem Aktionismus geopfert wird. Blain entwickelt für diesen Mechanismus eine grafische Technik, die bei Proportionen und Seitenarchitektur seine Arbeit an "Gus" fortführt, aber diesmal ein so hohes Tempo innerhalb der Bilderabfolge vorlegt, dass in etlichen Sequenzen die Hektik des politischen Lebens im wörtliche Sinne anschaulich wird.

          Purer Slapstick entsteht aber auch - durch immer wieder neue Variationen der gleichen Abläufe, Phrasen und Gesten. Und in all dem Wirbel der Handlung und der Linien ist als einziger Ankerpunkt die melancholische Miene von Claude Maupas auszumachen, dem wie Vlaminck eher politisch links orientierten Bürochef des Ministers, der aber mit den Launen und Marotten des Chefs längst seinen Frieden gemacht hat. "Quai d'Orsay" ist auch eine bitterböse Parabel über die Anziehungskraft der Macht.

          Auf dem Umschlagbild sieht man Taillard de Vorms am Schreibtisch sitzen - in den Händen die kleine Heraklit-Ausgabe, die er bei jeder Gelegenheit als Ratgeber empfiehlt, hinter sich das gewaltige, von Blain mit zartem Bleistift skizzierte imperiale Dekor seines Ministerbüros. Es ist, als hätte Sempé persönlich diese Szene gezeichnet, und auch diese Traditionslinie französischer Satire wird von Blain ganz bewusst fortgesetzt. Mit "Quai d'Orsay" beweisen er und Lanzac, dass der Comic als Waffe taugt wie die Karikatur. Wenn Lächerlichkeit tötet, ist dieser Band das pure Gift für die politische Klasse in Paris. ANDREAS PLATTHAUS

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