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: Das ist ein Flöten und Geigen!

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Unsereiner, der die Alltäglichkeit schätzt, hofft unverdrossen, dass die Deutschen von den Untergängen genug hätten und ihnen jede Art von Ausnahmezustand zuwider sein müsse. Zurzeit wohnen sie dem Untergang des Ultra- oder Raubtier-Kapitalismus ...

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          Unsereiner, der die Alltäglichkeit schätzt, hofft unverdrossen, dass die Deutschen von den Untergängen genug hätten und ihnen jede Art von Ausnahmezustand zuwider sein müsse. Zurzeit wohnen sie dem Untergang des Ultra- oder Raubtier-Kapitalismus bei, den sie mit einer Mischung von Schadenfreude, Selbstgeißelung und mühsam gezügelter Panik zur Kenntnis nehmen. Davor war's der Sozialismus, der vor ihren Augen ins Nichts zerstob: vorübergehend ein Freudenrausch, hinter dem wir erst im Gang der Jahre das Gebirge der seelischen und sozialen Trümmer entdeckten, die so rasch nicht fortgeräumt sind. Kanzler Kohls "blühende Landschaften" lassen auf sich warten; sie kosten Billionen und florieren nicht allenthalben.

          Der Untergang des Abendlandes aber fand in Wahrheit, wie wir wohl wissen, ein halbes, nein, ein dreiviertel Jahrhundert früher statt - anders, als es Oswald Spengler in seiner welthistorischen Kolossalspekulation prophezeite. Den "Caesarismus" sah er voraus, Auschwitz nicht, jene Endstation des Vernichtungswillens, der dem geheimen Angstwunsch nach Selbstvernichtung entsprach: das finale Produkt der Katastrophensucht, die uns auf die Schlachtfelder von Verdun, zu den Reichsparteitagen, auf die Wachtürme der Konzentrationslager und nach Stalingrad getrieben hat.

          Fritz Stern, der amerikanische Historiker aus Breslau, beschrieb in seinem großen Essay "The Politics of Cultural Despair" die Tradition des deutschen "Kulturpessimismus" als ein Grundelement unserer Gefährdung: durch den Aberglauben an den Gegensatz von "Kultur" und "Zivilisation" (dem auch Thomas Mann erlegen war), die Furcht vor der "Vermassung", die "Uniformierung" des Daseins, kurz: die "Amerikanisierung", damit die "Geschichtslosigkeit", die "Verflachung" der Bildung, schließlich die chronische Verdummung (zumal durch die Massenmedien).

          Es wurden freilich, Adorno hin oder her, auch nach Auschwitz Gedichte geschrieben - Gedichte wegen Auschwitz, über Auschwitz, gegen Auschwitz. Das "Abendland" der romanisch-katholischen Karolinger wurde uns nicht wiedergeschenkt. Aber unsere geschlagenen Völker fanden sich - wenngleich meistens raunzend - im "Westen", in der atlantischen Allianz, in der Europäischen Union zusammen, bauten die verheerten Städte auf, richteten sich im dauerhaftesten Frieden seit Menschengedenken ein und schufen einen Wohlstand, wie ihn die Menschheit niemals zuvor gekannt hat.

          Dennoch: Wir schlagen am Morgen die Zeitung auf - und allemal weht uns der kalte Eishauch der Angst an. The German Angst, in der Welt sprichwörtlich geworden, klopft nun dank des globalen Finanzdesasters an die Fenster fast aller Weltbürger. Lang davor schon erlitten wir unsere täglichen Kleinkatastrophen. Bildungsnotstand. Schulchaos. Überfremdung. Multikulti-Kuddelmuddel. Pleite der Integration. Pisa-Schock. Dafür Heere von Computer-Freaks, Informatik-Neurotikern und Neu-Analphabeten. Vergreisung der Gesellschaft. Demographie-Verhängnis. Geistige Versteppung.

          Mit anderen Worten: Der deutsche Kulturpessimismus gedeiht - vermutlich fast so üppig wie vor 1914 und in den (angeblich) so "goldenen zwanziger Jahren". Es ist, als lägen wir jeden Morgen auf den Knien und flehten den Himmel an: Unser tägliches Fiasko gib uns auch heute! Apokalypse als Lebensstil. Die "Lust am Untergang", von der Friedrich Sieburg schon 1954 schrieb, ist längst ein chronischer Zustand geworden.

          Der "Spiegel", der auf einer Titelseite fragte: "Macht das Internet doof?", zitierte im Text den Schweizer Naturforscher Conrad Gessner, der im Jahre des Herrn 1545 - angesichts der Gutenberg-Revolution - vor einem "verwirrenden und schädlichen Überfluss an Büchern" gewarnt hat. Kein Wunder, da es die Kirche dem Laienvolk ein Jahrtausend lang verwehrt hatte, das "Buch der Bücher" ohne priesterliche Anleitung zu studieren, weil es in den schlichten Seelen nur ketzerische Erwägungen wecke.

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