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: Das hitzige Fieber von Oberammergau

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Oberammergau - ein Dorf stapelt tief. Denn es ist Juli, und die Bärte wachsen laut Gelübde erst seit achtzig Tagen. Wart's nur ab, wie sie im nächsten Sommer zum Passionsspiel wallen werden!, scheinen dem Reisenden die feixenden ...

          Oberammergau - ein Dorf stapelt tief. Denn es ist Juli, und die Bärte wachsen laut Gelübde erst seit achtzig Tagen. Wart's nur ab, wie sie im nächsten Sommer zum Passionsspiel wallen werden!, scheinen dem Reisenden die feixenden Blicke all derjenigen zu bedeuten, denen er im Holzbildhauerladen oder vor einer der vielen Baustellen oder hinter der Hoteltheke begegnet. Denn wer hier übermäßig Haare im Gesicht trägt, spielt 2010 im Passionsspiel mit.

          Schon jetzt aber prunkt der Ort mit einer neuen Kauflandschaftssünde am Ortseingang, und der Bahnhofsvorplatz schwelgt in bedeutungsschwangerer Geranienidylle, als warte er auf Dürrenmatts Claire Zachanassian persönlich und legt die Erinnerung an die jüngste Premiere im Münchner Volkstheater nahe, die just jene "Alte Dame" zwischen tropfenden Wäschestücken reizlos trockenlegte. Was hier auch nicht aus heiterem Himmel kommt, verwischt ja Christian Stückl selbst als Tripel-Intendant zwischen München (Volkstheater-Chef), Salzburg ("Jedermann"-Regisseur) und Oberammergau (Passionsspiel-Herr) die Grenzen zwischen seinen Bühnen nur zu gern. So auch in seiner aktuellen Inszenierung auf der Passionstheaterbühne.

          Anstelle von Dürrenmatts rachedürstender Claire Zachanassian bringt hier Kaspar Schisler den Tod in seine Heimatgemeinde. Doch sein Motiv ist nicht Rache, sondern Heimweh, sein schwarzer Panther ist der Schwarze Tod. Denn es ist 1632, und die Pest wütet im ganzen voralpinen Land. Im ganzen Land? Nein, ein kleiner Flecken ist bisher verschont geblieben. Doch woher soll Schisler wissen, dass ausgerechnet hier, in Ammergau, die Pestfeuer nur zur Abschreckung brennen, während das Volk sich mit einem ausgelassenen Kirchweihfest abzulenken versucht. Er sei gekommen, um gemeinsam mit seiner Familie zu sterben, verkündet der Tagelöhner, wo er noch gar nichts von der selbsterfüllenden Prophezeiung seiner Worte weiß, geschweige denn vom theatralischen Gotteshandel, den sie nach sich ziehen werden, ahnt.

          "Die Pest", das traditionelle Vor-Spiel zur Passion, erklärt, wie es zu dem alle zehn Jahre erneuerten Passionsspielgelübde kam. Ein Glaubensbekenntnis, ohne das, so will es die Chronik, die Ammergauer 1632 restlos von der Seuche dahingerafft worden wären. Im Spiel um Zweifel, Furcht und Zuversicht, um Gottes Werk und Ammergauers Beitrag hat außerdem derjenige zu überzeugen, der im Folgejahr ein guter Jesus, Josef oder Judas sein will. Das Pestspiel als Testspiel zum Festspiel.

          Und in der Tat wirkt diesmal alles - Text, Komposition, Pathos, bis hin zum Aufgebot an Einheimischen - sparsamer, verspielter, ungroßartiger. Was nicht an der Auswahl der Darsteller liegt, die sich in ihren Rollen als eingängige Typen beweisen - jeder auf eine andere Weise ohnmächtig. Allen voran Michael Adam, der als reicher, exaltierter Steinbacher das Ammergauer Volk genau wie das Oberammergauer Publikum mit beeindruckender Bühnenpräsenz bannt.

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