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: Das große Ding klingt ganz gut

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Zu dem vielen Unsinn, der täglich ungeprüft verbreitet wird, gehört auch die Behauptung, das Publikum für klassische Konzerte stecke in der Krise. Ein Blick in die Statistiken des Deutschen Musikinformationszentrums (www.miz.org) ...

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          HELSINKI, 4. September

          Zu dem vielen Unsinn, der täglich ungeprüft verbreitet wird, gehört auch die Behauptung, das Publikum für klassische Konzerte stecke in der Krise. Ein Blick in die Statistiken des Deutschen Musikinformationszentrums (www.miz.org) zeigt hingegen, dass sich die Zahl von Orchesterkonzerten in Deutschland zwischen 1993 und 2009 fast verdoppelt hat, wobei die Zahl der Besucher um mehr als ein Fünftel anstieg. In ganz Europa wird derzeit viel Geld in den Bau neuer Konzerthäuser gesteckt, und besonders im Norden begreift man solche Ausgaben als Investitionen in eine keineswegs schrumpfende Branche.

          Kopenhagen erhielt im Januar 2009 ein neues Konzerthaus. In Reykjavík wurde vor zwei Wochen erst die neue Konzerthalle "Harpa" eröffnet. Und nun hat seit vier Tagen auch Helsinki ein neues Musikzentrum. Wir mögen es doch in aller Welt "Musiikkitalo" nennen, wünschen sich die Finnen, so wie man "Gewandhaus" oder "Concertgebouw" ja auch nirgends übersetzt.

          Beim Eröffnungskonzert erklang natürlich die "Finlandia" von Sibelius, von beiden Orchestern zusammen mit dem Chor der Sibelius-Akademie gespielt, dazu seine "Tapiola" samt drei Orchesterliedern mit der Sopranistin Soile Isokoski. Danach ein kleinteiliges Programm mit Folk, Jazz, Soloklavier, Kammerchor und Cello-Orchester. Zum Schluss Strawinskys "Sacre". Dann wurde ausschweifend gefeiert: Bereits in der Pause gab es Freichampagner für alle. Und hinterher wurde im ganzen Haus getanzt. Sakari Oramo, Chefdirigent des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters, fiel beim Schlussapplaus im Konzertsaal zunächst dem japanischen Akustiker Yasushia Toyota und dann dem Architekten Marko Kivistö stürmisch um den Hals. Ja, der Saal klingt! Das war nämlich die größte Sorge aller. Denn in der vierzig Jahre alten Finlandia-Halle von Alvar Aalto klang jede Musik wie in einen Bootsrumpf geröhrt.

          Fast zwanzig Jahre hat sich die Diskussion um das neue "Musiikkitalo" hingezogen. Möglich geworden ist der Bau nur durch einen Zusammenschluss dreier Institutionen: Die Helsinkier Philharmoniker, das Finnische Radio-Sinfonieorchester und die Sibelius-Akademie (Finnlands einzige Musikhochschule) teilen sich als Gesellschafter eines Betreiber-Konsortiums das Gebäude und tragen anteilig die Baukosten von 188 Millionen Euro.

          Das Haus hat neben dem großen Konzertsaal noch fünf kleine Säle, deren Akustik genau auf spezielle Musikgenres abgestimmt ist: einen für elektronisch verstärkte Musik, einen für Liederabende und Opern-Klavierproben, einen Kammermusiksaal, einen Saal mit drei Orgeln und schließlich einen Orchesterprobensaal, in den die Bühnendimensionen des großen Saales eins zu eins übertragen wurden. Das sind luxuriöse Arbeitsbedingungen. Zudem beherbergt ein zweiter Gebäudeteil nun ein Drittel der Unterrichtsräume für die Sibelius-Akademie und deren Musikbibliothek. Die Konzertsäle müssen sich die drei Hauptakteure teilen; ein Fünftel der Termine wird an andere Veranstalter vermietet. Die Erlöse gehen dann anteilig an die Gesellschafter. Eine künstlerische Gesamtleitung gibt es nicht. Die Direktorin des Musikzentrums, Helena Hiilivirta, koordiniert lediglich alle Vorgänge und Vorhaben. Für die Inhalte sind die Einzelinstitutionen verantwortlich.

          Eine stille Architektur habe man schaffen wollen, erzählt Marko Kivistö vom LPR-Architektenbüro. In der Tat duckt sich das "Musiikkitalo" eher unauffällig in die Senke zwischen der großen Mannerheim-Straße und der Töölö-Bucht. Es hat gar nicht die Absicht, in einen Wettbewerb zu treten mit dem steinernen Monumentalismus des alten Parlamentsgebäudes und der Extravaganz des Kiasma-

          Museums für moderne Kunst. Klare Quader bilden die Formen; grünspanüberzogene Kupferfassaden weisen zum Parlament; zwei seetangfarbene Glasfronten zum Kiasma-Museum und zur Bucht.

          Drinnen aber ist es arg finster: Die Paneele aus dunkel gebeiztem Birkenholz treffen auf schwarzgraue Wände, Decken und Stühle. Die Gänge im Untergeschoss variieren zwischen Steingrau, Mausgrau und Schlachtschiffgrau. Im großen Saal wird diese Düsternis durch Tageslicht und munter gekreuzte Achsen der vielen Deckenstrahler belebt. In den kleinen Sälen ist die Raumwirkung bedrückend.

          Für eine Orgel im großen Saal reichte das Geld vorerst nicht. Der Platz aber ist vorgesehen. Das Orchesterpodium ist großzügig. Will man aber einen großen Chor dazustellen, wird es eng. Da muss man wohl die Publikumsblöcke neben der Orgel freimachen. Die Akustik im großen Saal ist kristallin. Besonders die Doppelrohrblattinstrumente wie Oboen und Fagotte setzen sich durch. Sänger werden nicht vom Orchesterklang überdeckt, der Text bleibt deutlich, was wirklich phantastisch ist. Streicher in Alt- und Tenorlage wirken hingegen etwas matt, weshalb es dem Klang an einer belebten, warmen Mittellage mangelt - was noch ein Effekt von zu kurzer Erfahrung mit dem Saal sein kann.

          Für den Großraum Helsinki und ganz Finnland ist das "Musiikkitalo" in nächster Zeit "das große Ding", wie es Jutta Jaakkola, die Direktorin des Finnischen Musikinformationszentrums ausdrückt. Auch die Besucher aus Sankt Petersburg will man anlocken. Zwischen beiden Städten besteht ohnehin schon Visafreiheit, die Fährpassage kostet nur 29 Euro; und die Russen bringen - wie es Veikko Kunnas, der Kulturamtsleiter von Helsinki, formuliert - auch eine besondere Bildungstradition für klassische Musik mit.

          Helena Hiilivirta traf sich einen Tag nach der Eröffnung schon mit den Direktoren der Konzerthäuser von Stockholm, Göteborg und Kopenhagen zur Programmkonferenz. Auch Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie in Hamburg, war dazu geladen. Um Tourneen der großen Orchester wirtschaftlich attraktiv zu machen, will man bei den Konzerthäusern im Ostseeraum enger zusammenarbeiten. Da zählt man auf Hamburg. Doch bevor die Elbphilharmonie - die schon jetzt viermal so teuer ist wie das "Musiikkitalo" - fertig wird, eröffnet erst einmal in Norwegen das nächste Konzerthaus: am 6. Januar 2012 in Kristiansand. JAN BRACHMANN

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