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: Das Band der Griechen

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Wie kommt es, dass die Leute die Gesetze befolgen und nicht auf sie pfeifen? Soziologen forschen über die Akzeptanz, Philosophen fragen nach der Vernunft der Gesetze. Der eigentliche Grund des Gesetzesgehorsams aber, so lernte man ...

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          Wie kommt es, dass die Leute die Gesetze befolgen und nicht auf sie pfeifen? Soziologen forschen über die Akzeptanz, Philosophen fragen nach der Vernunft der Gesetze. Der eigentliche Grund des Gesetzesgehorsams aber, so lernte man es im Habilitationsvortrag der Rechts- und Kulturwissenschaftlerin Cornelia Vismann, ist "das Schöne am Recht", eine Kunst der Ordnung, die sich der Harmonie verpflichtet weiß und die Dinge in Einklang bringt. Mit rechtshistorisch gebildeten Ohren lässt sich davon manchmal noch etwas erlauschen: Klangfragmente, die von den archaischen Anfängen der Rechtsgeschichte herkommen, leise, kaum zu vernehmen hinter den soliden Gründungsgeschichten des modernen Rechts.

          Cornelia Vismann, die seit 2008 als Professorin für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar lehrte, war eine Spurensucherin, die dem Recht geduldig auf den Grund ging. Immer wieder kam sie dabei zu den Griechen, denen sie zusammen mit Friedrich Kittler ein Bändchen gewidmet hat. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft und der Philosophie arbeitete Cornelia Vismann, geboren 1961 in Hankensbüttel, als Rechtsanwältin in Berlin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Potsdamer Einstein-Forum. Nach Assistenzen an den kultur- und rechtswissenschaftlichen Fakultäten der Viadrina ging sie ins andere Frankfurt, ans Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, und habilitierte sich 2007 mit einer Arbeit zur "Verfassung nach dem Computer" im öffentlichen Recht. Ihre Dissertation "Akten. Medientechnik und Recht" (2000) erzählt, wie die Welt in die Akten kam und wie die Kulturtechniken der Exekutive juristische Entscheidungsfindung beeinflussen. Die als Fischer-Taschenbuch verlegte rechtshistorisch-medientheoretische Arbeit ist zum Klassiker avanciert, 2008 erschien eine englische Übersetzung.

          Cornelia Vismann lernte bei und mit vielen - und war doch nie einer Schule zugehörig. Natürlich wusste die glänzende Stilistin, dass sich im eigenen Haus nicht nur Freunde macht, wer an den Fundamenten rüttelt. Dabei ging es ihr nicht um Dekonstruktion, sondern darum, die Bühne des Rechts zu öffnen für das Gespräch mit den Nachbarwissenschaften. Sie gehörte zu den wenigen Juristen im Kreis derer, die - wie es im Vorwort eines Bandes heißt, den sie mit Thomas Weitin herausgab - "disziplinübergreifend nach den Wechselwirkungen literarischer und juristischer Formen suchen und Fama und Fabel mit Gesetz und Urteil zusammenlesen". Die Mitherausgeberin des "German Law Journal" war Redakteurin der "Zeitschrift für Ideengeschichte" und der Schriftenreihe "Tumult - Schriften zur Verkehrswissenschaft"; als Beraterin regte sie zahlreiche Bände der Junius-Reihe "Zur Einführung" an. Für Theoretiker des Ausnahmezustands hatte Cornelia Vismann nur jene scharfsinnige Ironie übrig, die ihr bis zum Ende blieb - so wie ihre Gabe, originelle Köpfe in produktive Konstellationen zu bringen. Ihr war eine souveräne Haltung eigen, wie sie zuweilen noch heute aus Pfarrhäusern kommt - und die sie sich auch bewahrte, als ihre Krankheit alle Pläne durchkreuzte.

          Noch in ihren letzten Tagen konnte sie das Manuskript eines Buchs abschließen, das im Winter bei S. Fischer erscheinen wird: "Medien der Rechtsprechung". Bis in aktuelle Szenarien der "Transitional Justice", bis zum Milosevic-Prozess vor dem Jugoslawien-Tribunal, verfolgt sie den Abschied des Gerichts von seinen theatralischen Ursprüngen. Wer Medien im Prozess zulasse, bringe die Justiz um die eigene Medialität. "Das Ritual der gerichtlichen Wahrheitsfindung weicht zwangsläufig der Logik des Duells, sobald Kameras zugegen sind, sosehr sie sich auch unsichtbar machen. Technische Medien entziehen sich der theatralen Logik der Justiz und versetzen die Prozessbeteiligten an einen Ort, der alles andere als ein Schauplatz ist - inmitten von Kabeln und Monitoren. Sie diktieren das Verfahren, mit ihrem eigenen Takt, ihren eigenen Anforderungen und Öffentlichkeiten." Müssen wir uns diesem Diktat unterwerfen? Die Antwort der Gelehrten ist subtil und eindeutig zugleich: "Es gibt keine technische Lösung des justizinternen Problems einer medialen Konkurrenz zwischen Gericht und Fernsehen." Die Ordnung liegt immer in den Händen des Subjekts. Am Samstag ist Cornelia Vismann in Berlin gestorben. ALEXANDRA KEMMERER

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