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: Dann duzt ihn das Weib auch noch

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Kann man es Stalking nennen, wenn sich eine psychisch labile Frau verzweifelt und mit allen Mitteln um einen Termin beim Psychotherapeuten bemüht? Oder ist das eine notwendige Folge der Unterschiede zwischen privat und gesetzlich ...

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          Kann man es Stalking nennen, wenn sich eine psychisch labile Frau verzweifelt und mit allen Mitteln um einen Termin beim Psychotherapeuten bemüht? Oder ist das eine notwendige Folge der Unterschiede zwischen privat und gesetzlich Versicherten? Als Angestellte in einer Bibliothek wird Svenja Schneider nicht auf Rosen gebettet sein, und die Warteliste in der Praxis von Maximilian Bloch ist so lang, dass bestenfalls in drei Wochen etwas zu machen wäre. Aber Frau Schneider will sofort auf die Couch, und am liebsten sähe sie den Therapeuten gleich mit ihr auf dem Liegemöbel. Denn es ist nicht Einsicht in die eigene Krankheit, die sie zu Bloch treibt, sondern Liebe auf den ersten Blick. Und da Herzensnot kein Gebot kennt, muss man Svenja Schneider doch als Stalkerin bezeichnen. "Verfolgt" heißt deshalb die heutige "Bloch"-Folge.

          Und das trifft's: Frau Schneider lauert dem Therapeuten in der Praxis auf und spioniert sein Haus aus. Mit der Kamera begleitet sie sein Leben, sie sucht Kontakt auf allen Kanälen, auch dem von Blochs Lebensgefährtin Carla. Beim ersten Besuch hat der Psychotherapeut ihr erklärt, worin das Problem besteht: Frau Schneider wirft sich Männern mit Haut und Haaren an den Hals. Ein Problem aber erkennt Bloch anfangs nicht: dass er das ideale Zielobjekt für das Liebeswerben der Patientin ist. Denn Bloch ist daran gewöhnt, dass man sich ihm offenbart und alle Hoffnung auf ihn setzt. Also schreckt er nicht zurück. Und schon ist es zu spät. Nicht, dass Bloch sich auf ein Techtelmechtel einließe - wer seit sieben Jahren die Filmserie um den von Dieter Pfaff verkörperten fülligen Therapeuten verfolgt, weiß, dass er seiner Clara (Ulrike Krumbiegel) treu ist. Nur Clara weiß das immer noch nicht und reagiert wenig erfreut über die Avancen der wildfremden Svenja (Victoria Trauttmansdorff), die schließlich sogar auf Blochs Gartenparty steht und die Hausherrin frech fragt, wo sie denn künftig wohnen werde. Da müsste der Psychologe erkennen, dass alles falsch läuft. Doch Bloch lässt Svenja Schneider nicht fallen - selbst dann nicht, als es bedrohlich wird.

          Das passt zu Bloch, unserem grundgütigen Mann aus Baden-Baden, der sich noch dem schlimmsten Psychopathen verpflichtet glaubt. Wie also nicht einer Frau, die sich in ihn verliebt hat und deren psychischer Störung er auf den Grund zu gehen scheint? Aber im Dienste seiner Profession und Passion geht Bloch zu weit; er stößt Clara vor den Kopf und missachtet den Rat von Berufskollegen. Und irgendwann duzt ihn das Weib auch noch.

          Martin Douven hat das Buch zu "Verfolgt" geschrieben, das Ganze lässt sich gut an. Claras Sohn Tommy bricht zu einem Austauschjahr nach Kanada auf, entsprechend alt fühlen sich plötzlich Mutter und Bloch, zumal bei ihm der sechzigste Geburtstag ansteht. In diese labile Situation platzt Svenja, die für beide als Ventil ihrer Unsicherheit dient. So weit, so glaubhaft.

          Aber wie sich Bloch immer weiter in den Fall hineinsteigert, das ist nicht nur wenig glaubwürdig, sondern erstarrt auch optisch im Klischee. Das geht hin bis zum alleingelassenen Mann, der sich seine Spiegeleier selber braten muss. Was Jan Schütte, einen hochintelligenten Regisseur, dazu gebracht haben mag, solch eine desaströse Szene zu drehen, nachdem er am Beginn noch subtil die Gefährdung von Svenja Schneider darstellen konnte, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, das ist das große Rätsel dieses Films. Und dass niemand bei der Abnahme des Films bemerkt hat, dass eine entscheidende Lebensstation Svenjas auf das Jahr 1972 datiert ist, im Dialog aber von 1973 die Rede ist, zeigt, wie sorglos hier agiert wurde. Einem interessanten Stoff und guten Schauspielern, darunter Otto Tausig und Ursula Werner in markanten Nebenrollen, beim Scheitern zuzusehen, weil Autor und Regisseur die Geschichte zunehmend nicht mehr in den Griff bekommen, das schmerzt. Andreas Platthaus

          Bloch: Verfolgt läuft um 20.15 Uhr im Ersten.

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