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: Blättern muss sein! Ein Lob des Buches in

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"Meyers Konversations-Lexikon" warnte unter dem Stichwort "Buchbinden" vor fast anderthalb Jahrhunderten recht deutlich: "Gern reproducirt man auch Holzschnittillustrationen des Buches auf dem Deckel, welche dahin nicht gehören und ...

          "Meyers Konversations-Lexikon" warnte unter dem Stichwort "Buchbinden" vor fast anderthalb Jahrhunderten recht deutlich: "Gern reproducirt man auch Holzschnittillustrationen des Buches auf dem Deckel, welche dahin nicht gehören und in Golddruck auf dem streifigen Grund nothwendigerweise plump ausfallen müssen." Das ist sehr komisch zu lesen, findet sich dieses Zitat doch in einem Buch, das auf seinem zwar nicht streifigen, aber streng graupappnen Einband in Rotdruck einen Ausschnitt aus einer Max-Ernst-Collage unterbringt. Und das ist - man muss es so deutlich sagen - in Kombination mit der Typographie der Titelschrift und dem Verlagslogo geschmacklos.

          Man muss das so deutlich sagen, weil ansonsten nichts an diesem Band geschmacklos ist. Es versammelt vierunddreißig Beiträge zum Thema "Buch". Das klingt sachlich, ist aber höchst lustvoll zu lesen. Denn den Autoren, in der Mehrzahl Österreicher, war freigestellt, welchen Aspektes des unendlich weiten Feldes sie sich annehmen wollten. Die Beiträge wurden dann auf sieben Kapitel verteilt, die von der Buchherstellung über erste Leseerlebnisse bis zur Zukunft des Mediums reichen, und ergänzt durch persönliche Begriffsbestimmungen zum Buch, die nach abnehmender Länge geordnet das Werk beschließen. Es endet mit der Definition des Literaturwissenschaftlers Michael Rohrwasser: "Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch ist ein Buch." Hätte er Gertrude Stein noch zweimal mehr variiert, hätte er dem Psychotherapeuten und Fußballkolumnisten Wolfgang Pennwieser den Abschluss überlassen müssen, der das Buch so beschreibt: ". . . der zweitbeste Freund des Menschen - nach dem Fußball." Das wäre ungebührlich profan gewesen.

          Wobei der wahre Schluss ganz klein in Griechisch und Deutsch auf den letzten beiden Seiten steht: "Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie." Dieses Verdikt von Epiktet wird von den Texten des Sammelbandes aufs Schönste bestätigt, denn was viele Autoren vor allem umtreibt, ist die Konkurrenz von klassischem und elektronischem Buch. Dazu kann man manches lesen, und fast alles ist von der Sicherheit bestimmt, dass man das traditionelle Buch nicht wird ersetzen können. Das beunruhigt in seiner Einmütigkeit, und ein einziger Beitrag, der sich auf die Seite des Fortschritts geschlagen hätte, wäre auch originell gewesen. So originell wie der Verzicht auf die Erwähnung von Canettis "Blendung", Umberto Ecos "Der Name der Rose" oder der "Bibliothek von Babel" von Borges. Aber wer über große Mengen von Literatur schreibt, kommt anscheinend an den drei erschreckendsten Bibliotheksbüchern nicht vorbei.

          Doch diese auffällige Folge der Freiheit beim Verfassen der Beiträge wird kompensiert durch wunderschöne persönliche Buchgeschichten, etwa die der Publizistin Eva Pfisterer, die ihre Erlebnisse als junges Mädchen in einer streng christlichen Familie mit sieben Kindern auf 36 Quadratmetern schildert, in der es außer Schulstoff nur das Buch der Bücher gab. Alles andere musste die Autorin sich gegen Widerstände erobern, und ihr Beitrag heißt zu Recht "Um mein Leben gelesen". So existenziell hat kaum jemand über die rettende Wirkung von Lektüre erzählt.

          Der Sammelband will seinerseits nun die Bücher retten, und das tut er nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch die Form. Höchst sorgfältig ist alles gestaltet, sind die verwendeten Schriften ausgewählt, ist die Einbettung der Abbildungen erfolgt. Und der Band ist so sorgfältig lektoriert, dass die Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl guten Gewissens auf Verlage schimpfen kann, die ihre Lektorate einsparen. Schade, dass dann nur zwei Seiten nach dieser Philippika der einzige von mir bemerkte Druckfehler im Buch auftaucht. (Dass Arno Schmidts "Zettel's Traum" mit der Ausnahme einer Fußnote konsequent falsch, nämlich scheinbar richtig ohne Apostroph geschrieben wird, ist gewiss kein Druckfehler.)

          Wer Spaß am Buch hat, der kaufe diesen Band. Und er lese ihn in zufälligen Häppchen. Das bekommt dem Reichtum an Textformen, -farben und -phänomenen besser als konsekutive Lektüre. Des Guten zu viel führt zu ebenjener Überfülle, die "Meyers Konversations-Lexikon" anprangerte. Andreas Platthaus

          "Seitenweise". Was das Buch ist. Hrsg. von Thomas Eder, Samo Kobenter und Peter Plener.

          Edition Atelier, Wien 2010. 480 S., geb., Abb., 29,90 [Euro].

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