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: Bei der Mafia gibt's keine Altersteilzeit Literatur

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Wenn Tony Soprano sagt, ein alter Freund der Familie befinde sich im Zeugenschutzprogramm, bedeutet das meistens, dass ein Verräter aus den eigenen Reihen den Weg alles Irdischen gegangen ist. Modelle wie Altersteilzeit oder Frührente sind in der Mafia einfach nicht vorgesehen.

          Wenn Tony Soprano sagt, ein alter Freund der Familie befinde sich im Zeugenschutzprogramm, bedeutet das meistens, dass ein Verräter aus den eigenen Reihen den Weg alles Irdischen gegangen ist. Modelle wie Altersteilzeit oder Frührente sind in der Mafia einfach nicht vorgesehen. Josh Bazell, der sich in seinem Debütroman einmal explizit auf die populäre Fernsehserie "Die Sopranos" bezieht, scheint sich Gedanken darüber gemacht zu haben, wie es mit jemandem weitergehen könnte, der tatsächlich mit dem Leben davonkommt, als er dem organisierten Verbrechen den Rücken kehrt. Der amerikanische Autor, der Literatur und Medizin studierte, nutzt dieses Ausstiegsszenario für einen perfiden Plot, in dem der Protagonist, den Regeln des Thriller-Genres entsprechend, von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

          Dr. Peter Brown hieß früher Pietro Brnwa. Er war Auftragsmörder der Mafia, hat sich aber unter dem Schutz der Behörden eine neue Identität geschaffen. Inzwischen arbeitet er als Assistenzarzt für Innere Medizin in einem New Yorker Krankenhaus. Dort geht es drunter und drüber, die hygienischen Zustände sind skandalös, und das übermüdete und überarbeitete Personal begegnet dem Chaos mit einer zynischen Variante der Déformation professionelle - oder durch die Einnahme von Medikamenten, die aufputschen, betäuben und beruhigen. Viel schlimmer ist indes, dass Brown plötzlich einem alten Bekannten, einem Mobster namens Eddy Squillante, gegenübersteht, der ihn sofort erkennt. Dessen Überlebenschancen stehen schlecht, der Krebs ist zu weit fortgeschritten. Doch wenn Brown ihn rettet, so verspricht ihm Squillante, werde er die Vollstrecker seines ehemaligen Auftraggebers David Locano nicht verständigen. Hin- und hergerissen zwischen seinem alten Drang, das Problem gewaltsam zu lösen, und seiner neuen Lebensweise, die nach einem friedvollen Ausweg aus dem Dilemma verlangt, gerät Brown in Schwierigkeiten, die ihresgleichen suchen im zeitgenössischen Kriminalroman der hartgesottenen Sorte. Nicht umsonst hat sich Leonardo DiCaprio bereits die Filmrechte an "Schneller als der Tod" gesichert.

          Was "Beat The Reaper", wie der Roman im Original heißt, zu einem besonderen Nervenkitzel macht, ist allerdings nicht allein die am Beginn stehende Zwickmühle, die man für überaus unwahrscheinlich halten mag. Es sind auch nicht die ironischen, mit anatomischem Fachwissen vollgestopften Fußnoten, mit denen Bazells Ich-Erzähler den Leser zuweilen direkt anspricht und für einen kurzen Moment aus dem fiktiven Geschehen reißt. Vielmehr gelingen Bazell gleich mehrere Kunstgriffe, die es ihm ermöglichen, das Spannungspotential seiner Geschichte voll auszuschöpfen. Zum einen funktioniert seine Hauptfigur aufgrund ihrer Genese als moralisch zweifelhafte Identifikationsmöglichkeit. Denn Browns Einstieg in die Mafia verdankt sich einem Bedürfnis nach Rache, das leicht nachzuvollziehen ist. Seine jüdischen, aus Polen stammenden Großeltern sind zwar dem Holocaust entronnen, fallen in Amerika aber schließlich einem scheinbar sinnlosen Gewaltverbrechen zum Opfer.

          Browns erster Mord, seine Initiation, die zuletzt auf einer Lebenslüge beruht, ist mithin eine persönliche Abrechnung, die ihm nicht nur Geld, sondern eine Art Ersatzfamilie einbringt. Seine ebenso verwerflichen wie verständlichen Motive machen ihn zum zwiespältigen Charakter, der seine Geistesverwandten in Patricia Highsmiths talentiertem Mr. Ripley oder in Jeff Lindsays Serienmörder und Forensiker Dexter Morgan findet. Wie erfolgreiche Adaptionen fürs Fernsehen oder Kino belegen, ist das Publikum diesen kaltblütigen Sympathieträgern durchaus zugetan.

          Zum anderen - und das macht die Lektüre von "Schneller als der Tod" über das actionreiche Geschehen hinaus interessant - steht Peter Brown auf der Schwelle vom Saulus zum Paulus. Während er Entscheidungen zu fällen hat, die ihn entweder zu den Verhaltensweisen seines abgelegten Egos zurückführen oder beweisen, dass er nun ein besserer Mensch geworden ist, seziert er in jedem zweiten Kapitel die Beweggründe seiner zurückliegenden Karriere als Killer, die durch die Erfahrung eines unwiederbringlichen Verlusts beendet wird. Die Perspektiven des Mörders und des Arztes, der sich verantwortlich fühlt für seine Patienten, werden dabei originell miteinander verschränkt; es ist erschreckend zu sehen, wie mühelos sie in ihrem Sarkasmus zusammenfinden, wie sehr die beiden Berufszweige den Blick auf die Leiden des menschlichen Körpers abstumpfen lassen. Die Schilderung einer Operation im Krankenhaus fällt daher kaum weniger unappetitlich aus als die Beschreibung eines Kapitalverbrechens. Die Parallelisierung von Vergangenheit und Gegenwart erlaubt es Bazell zudem, gleich zwei Handlungsstränge auf einen Showdown zurasen zu lassen, wovon einer blutrünstiger ist als der andere. Brown verwandelt am Ende in einer haarsträubenden Szene seinen Körper nicht nur im sprichwörtlichen Sinn in eine Waffe. Seine Anatomiekenntnisse können ein Leben im Handumdrehen retten oder auslöschen. Josh Bazell wiederum haucht mit seinem aberwitzigen und packenden Roman dem Genre des Thrillers neues Leben ein. Alexander Müller

          Josh Bazell: "Schneller als der Tod". Roman. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 304 S., geb., 18,95 [Euro].

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